Die Lage an der Heimatfront

    Aus Lexikon Erster Weltkrieg

    Kriegswirtschaft

    Walther Rathenau

    In dem immer ausgedehnteren Kriegsgeschehen hatten die Mittelmächte von Anfang an den Nachteil, durch die englische Blockade von aller Zufuhr zur See abgeschnitten zu sein. Auch die Westmächte mussten unter dem Druck der Kriegsproduktion die freie Wirtschaft weitgehend einschränken, in Deutschland aber wurde die staatlich gelenkte Planwirtschaft in Nahrungsmitteln und kriegswichtigen Rohstoffen (von Rathenau veranlasst) eingeführt. Trotzdem zeigte sich, dass das deutsche Potential allein nicht ausreichte, zumal da Österreich auf deutsche Unterstützung angewiesen war. Deshalb wurden zahlreiche Versuche unternommen, die Blockade zu brechen, die jedoch immer wieder scheiterten.

    Innenpolitische Zerreißprobe

    Der militärische und wirtschaftliche Gesamteinsatz stellte jeden Staat vor die schwere Frage, ob seine Form dieser Zerreißprobe innenpolitisch gewachsen war. Wenn sich allgemein die Bevölkerung in unerwartetem Maß der Senkung des Lebensstandards fügte und auch die nur vereinzelt spürbaren Luftangriffe (auf London, Paris, die deutschen Städte in der Nähe der Westgrenze) hinnahm, so begannen sich nach den ersten Kriegsjahren die Grenzen der für den Kriegsfortgang entscheidenden inneren Haltung deutlich zu zeigen.

    Dass der österreichische Nationalitätenstaat und das seit 1905 nie wirklich zur Ruhe gekommene Russland durch den Druck eines Krieges ernsten Gefahren ausgesetzt wären, wurde allgemein erwartet; der Tod Kaiser Franz Josephs 1916 war das fast symbolische Ende der alten Habsburger Macht. Die westlichen Demokratien aber mit ihrem parlamentarischen System erwiesen sich (entgegen der deutschen Meinung) als tragfähig und elastisch. Bei allen Gegensätzen behielten die Politiker die Staatsleitung in der Hand und die mit fast diktatorischer Macht herrschenden Clemenceau und Lloyd George behielten die Unterstützung ihrer Bevölkerung.

    Karl Liebknecht

    Die in ihrem beamtenmäßigen Aufbau für so stark gehaltene deutsche Monarchie war wesentlich ungefestigter. Zwar hatte die deutsche Sozialdemokratie 1914 Burgfrieden mit dem Kaisertum geschlossen und bewilligte bis auf eine kleine Gruppe um Liebknecht die Kriegskredite; die Gewerkschaften unter Carl Legien nahmen die Einschränkungen der Kriegsindustrie hin; der Reichstag verhielt sich bis 1917 loyal. Er spaltete sich aber dann über der Frage nach den deutschen Kriegszielen in Verfechter von Annexionen und Vertreter eines Verständigungsfriedens ohne Gewinn und Verluste. Erschwerend für eine einheitliche Kriegführung traten die Konflikte zwischen Heeresleitung und Regierung hervor. Da sich die Regierung, deren Verantwortlichkeit im Bismarckreich nur Kaiser und Reichskanzler trugen, nicht gegen die OHL durchsetzen konnte (z. B. beim U-Boot-Krieg), so bestimmte das Militär immer auch die Politik.

    Allgemeine Kriegsmüdigkeit

    In Frankreich brach nach den überaus verlustreichen Angriffen unter Nivelle eine Heeresmeuterei aus, die durch den neuen Oberbefehlshaber Pétain unterdrückt wurde. Es kam zu Streiks wegen Preissteigerungen und die Regierung kam in Konflikt mit den Sozialisten, die nicht am Sozialistenkongress in Stockholm teilnehmen durften. Erst Clemenceau konzentrierte die Kräfte seit November für den Endkampf. Auch in England wurde durch Streiks und Konflikte der Regierung mit den Gewerkschaften die Frage laut, ob die Weiterführung des Kriegs noch sinnvoll sei, doch wies Lloyd George alle derartigen Einwände zurück. In Italien gewann die Ablehnung des Kriegs zwar an Boden, blieb aber durch die Abneigung gegen Österreich politisch wirkungslos.

    Für den stetig wachsenden Notstand in Deutschland hatte das Gesetz über den Vaterländischen Hilfsdienst (aus dem so genannten Hindenburg-Programm entstanden) 1916 nur geringe Abhilfe schaffen können. Die Missernte von 1916 und der darauf folgende Hunger-(Kohlrüben-)winter förderten die Radikalisierung (Munitionsarbeiterstreik, Bildung der USPD, Matrosenmeuterei im Juli). Die Forderung auf allgemeines Stimmrecht in Preußen war durch die Osterbotschaft Wilhelms II. (7.4.1917) zwar teilweise zugesichert, aber wegen der konservativen Opposition doch nicht rechtzeitig erfüllt worden. Die Entlassung Bethmann Hollwegs und die Behandlung der von Erzberger veranlassten Friedensresolution des Reichstags durch Bethmann Hollwegs Nachfolger Michaelis offenbarten die Unsicherheit der deutschen politischen Führung. Die deutsche Lage war außerdem stark belastet durch die Verbündeten, die nur noch durch deutsche Hilfe (Falkenhayn in der Türkei) als Verbündete gehalten werden konnten. Österreich-Ungarn war kaum noch kampffähig, so dass Kaiser Karl nach Beendigung des Kriegs unter möglichst weitgehender territorialer Erhaltung seines Reichs trachtete.


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    November 1914.

    ... Seit acht Tagen im Schützengraben, einer Ruine, in der bei Regenwetter das Wasser rauscht und alles von Lehm und Dreck starrt und die auch Schutz gegen das furchtbare Granatfeuer gewähren soll. Kleine Menschenarbeit gegen gewaltige Kräfte ... (Fritz Meese)

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