Erste Schlacht an der Marne

    Aus Lexikon Erster Weltkrieg

    (5.-9.9.1914)

    Ende August 1914 waren die Hauptkräfte des deutschen Westheers (1.-5. Armee sowie 2., 1. und 4. Kavalleriekorps) etwa von westlich Noyon bis zu den Argonnen unter schweren Kämpfen auf dem Vormarsch. Im Sinne des Schlieffen-Plans stellte die Weisung der OHL vom 27.8. das Ziel, das französische Feldheer durch eine Umgehungs- und Umfassungsoperation, die auch westlich um Paris herumgriff, in südöstlicher Richtung abzudrängen und zu vernichten. Der Krieg im Westen sollte derart in etwa sechs Wochen entschieden werden. Ungeachtet des tiefen Vordringens in Frankreich war jedoch die Blitzkriegskonzeption im Wesentlichen bereits gescheitert. Es war nicht gelungen, starke Kräfte des Gegners zu vernichten; sein linker Flügel entzog sich allen Umfassungsversuchen. Die deutsche Seite besaß zudem zwölf Divisionen weniger als bei Beginn der Offensive. Besonders nachteilig musste sich der Abzug von vier Divisionen der 2. und 3. Armee nach Ostpreußen (Tannenberg 1914) auswirken, denn er schwächte den in der Hauptrichtung handelnden rechten Flügel (1.-3. Armee). Der hartnäckige Widerstand der britischen und französischen Truppen drohte die deutsche Front zu zerreißen.

    Deshalb gab die 1. Armee am 30.8. die Umgehung von Paris auf und schwenkte nach Süden ein. Der französische Oberkommandierende, General Joseph Joffre (1852-1931), befahl daraufhin den Rückzug bis zur Seine und Aube. Gleichzeitig verstärkte er die Vorbereitungen für eine Gegenoffensive. Paris wurde in Verteidigungszustand versetzt. Die Lage Frankreichs war äußerst ernst, die Moral des Heers durch Niederlagen und Rückzug tief gesunken, Im weiteren Verlauf der deutschen Offensive stieß die 1. Armee ostwärts an Paris vorbei und überschritt ab dem 3.9. die Marne, gefolgt von der 2. und 3. Armee. Die französische Führung sah die Möglichkeit, aus dem Raum Paris in die fast offene rechte Flanke des deutschen Heeres hineinzustoßen. Am 4.9. befahl Joffre die allgemeine Gegenoffensive für den 6.9., um einen Umschwung herbeizuführen. Die Flankenbedrohung wurde vor allem vom Oberkommando der deutschen 1. Armee unterschätzt. Noch am 5.9. ließ es den Vormarsch südlich der Marne fortsetzen, um den Gegner zu umfassen. Erst in der Nacht zum 6.9. erkannte es die unmittelbare Gefahr eines Flankenangriffs der französischen 6. Armee und befahl den sofortigen Rückzug an den Ourcq.

    Die hier entbrennenden schweren Kämpfe (6.-9.9.) bildeten den Beginn der Marneschlacht. Die OHL, die sich weit zurück in Luxemburg befand, hatte keinen Überblick über die Lage und ließ den AOKs freie Hand. Am 6.9. begann überraschend die französisch-britische Gegenoffensive auf der etwa 230 km langen Front zwischen Verdun und Paris. Da beide Seiten vorgingen, entwickelte sich eine Begegnungsschlacht. Die sechs französisch-britischen Armeen, die zu einem großen Teil aufgefüllt waren, besaßen eine bedeutende zahlenmäßig Überlegenheit über die fünf deutschen Armeen (1 082 000 gegenüber 900 000 Mann). Zudem hob der Übergang zur Offensive ihre Kampfmoral. Dagegen hatten nach dem wochenlangen, verlustreichen und kräftezehrenden Vormarsch viele deutsche Verbände und Truppenteile nur eine geringe Gefechtsstärke. Reserven fehlten und der Nachschub stockte. In den schweren und wechselvollen frontalen Kämpfen scheiterten die deutschen Infanterieangriffe hauptsächlich am Feuer der überlegenen französischen Feldartillerie. Zum Schutz gegen das Artillerie- und MG-Feuer gruben sich die Truppen ein. Joffres Plan, die deutsche Front von Verdun und Paris her zu umfassen, aber scheiterte schon am 6./7.9. Die Entscheidung fiel auf den deutschen rechten Flügel. Durch den Rückzug der 1. Armee entstand zur 2. Armee eine fast 50 km breite Lücke, in die 18 britische und französische Infanterie- und Kavalleriedivisionen langsam eindrangen (ab 8.9.). Seit dem 9.9. überschritten sie die Marne und bedrohten damit den Rücken der 1. und die rechte Flanke der 2. Armee. Diese Gefahr konnten auch die taktischen Siege der 1. Armee am Ourcq und der 3. Armee im Zentrum nicht beseitigen.

    Am 9.9. befahl das Oberkommando der 2. Armee im Einvernehmen mit dem Vertreter der OHL, Oberstleutnant Richard Hentsch (1869-1918), den Rückzug hinter die Marne. Damit wurde der Rückzug auch der 1. Armee unumgänglich. Die 3. Armee ging ab dem 10.9. zurück, die 4. und 5. Armee folgten ab dem 11.9. Der bis zu 100 km tiefe und teilweise sehr schwierige Rückzug, bei dem rund 40 000 Mann und 200 Geschütze verloren gingen, überraschte den gleichfalls erschöpften Gegner, so dass er anfangs nur langsam folgte. Daraus vor allem entstand die Legende vom "Wunder an der Marne". Hinter der Aisne und Vesle schlugen die deutschen Truppen am 13./14.9. französisch-britische Angriffe ab. Die Lücke zwischen der 1. und 2. Armee konnte erst an diesen beiden Tagen durch die neue 7. Armee geschlossen werden. Die deutschen Gesamtverluste in der Schlacht an der Marne wurden auf 135 000-150 000 Mann geschätzt. In Lothringen waren alle Versuche der deutschen 6. und 7. Armee gescheitert, die französische Festungsfront Nancy - Epinal zu durchbrechen. Am 9.9. ließ hier die OHL die Angriffe einstellen und nahm die Truppen bis zum 15.9. an die Landesgrenze zurück.

    Die deutsche Kriegsführung hatte eine Niederlage von strategischer Bedeutung erlitten. Die Planung der Mittelmächte für den Zweifrontenkrieg war zusammengebrochen. Die Hauptursachen dafür lagen in der Unmöglichkeit, bei dem bestehenden Kräfteverhältnis und dem Stand der Militärtechnik die gegnerischen Hauptkräfte in einer riesigen Umgehungs- und Umfassungsoperation zu vernichten. Hinzu kamen schwerwiegende Mängel in der Führung und in den nachrichtentechnischen Verbindungen. Die Schlacht an der Marne, so die ungenaue Bezeichnung der Kampfhandlungen zwischen Paris und Verdun, wurde zum ersten und entscheidenden Wendepunkt im Kriegsverlauf. Ihre Auswirkungen verstärkten sich noch durch den zeitlichen Zusammenfall mit der strategischen Niederlage des österreichisch-ungarischen Heers in Galizien. Am 14.9.1914 wurde der Chef des Generalstabs des Feldheers, Generaloberst Helmuth von Moltke (1848-1916), abgelöst.


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