Feldpost: Adolf Mitte

    Aus Lexikon Erster Weltkrieg


    Adolf Mitte, stud. phil., Berlin,

    geb. 2. Juli 1890 in Berlin,
    gef. 13. Juni 1915 bei Chalupki (Galizien).

    Lewarde, 6. Januar 1915.

    Um Mitternacht ging's los. "Alles raus, Tornister dalassen! Antreten!" Wir klettern raus. "Über die Chaussee im Laufschritt!" Also rechts von der vertrackten Granatenchaussee, da gilt's den Graben zu nehmen, den die Franzosen während der Abwesenheit der Besatzung besetzt haben. Hier mußte ein Durchbruch vereitelt, die Rothosen in ihr Loch zurückgedrängt werden.

    7. Januar 1915, 5 Uhr.

    Rechts von der Chaussee (Menin-Ypern). Sammeln. "In Reihen gesetzt, rechts um - marsch! Geräusch vermeiden! Verbindung aufrechterhalten!" Es geht los in tiefdunkler, kalter Nacht. Wohin? Orientierung futsch. Ich stapfe wacker meinem Vordermann durch alle Löcher und allen Matsch nach. "Halt, Seitengewehr pflanzt auf!" Leise wird es von Mann zu Mann weitergesagt; dann zurück vom Flügel: "Befehl angekommen!" "Links um! Fühlung nehmen!" Soweit ich rechts und links etwas erkennen kann, starrt von jedem Gewehr der Stahl empor. "Mit Tuchfühlung langsam vorgehen!" Na, denke ich, da soll wohl möglichst von drüben keine Kugel durchkommen; aber der Soldat fügt sich. Halb aufrecht, halb geduckt, leise bewegt sich die Reihe etwas vor. "Halt – hinlegen!" Flüsternd geht es durch die Reihen. Alles liegt dicht beieinander. Hinter uns kommt Reserve. Einige Verschiebungen werden vorgenommen. Links und rechts setzt man neue Truppen an. "Ja, was sollen wir eigentlich?" wage ich meinen Nachbar zu fragen. "Weiß ich's?" sagte der eine, der andere schläft. Na, ich lege mich auch zurecht, so gut es geht; es hatte an dem Tage zufällig nicht geregnet und wir lagen auf einer einigermaßen trockenen Stelle. "Es wird mit Tuchfühlung vorgegangen. Weitersagen!" – "Befehl angekommen!" "Befehl angekommen!" – Alles im Flüsterton. "Wenn man bloß wüßte, was man machen soll, Nachbar, wenn man ran an den Feind ist? In den Graben hopsen und frei um sich schlagen, oder stehenbleiben und reinballern, oder – ?" "Wenn Leuchtkugeln aufsteigen, alles stilliegen!" – "Wenn Leuchtkugeln aufsteigen, alles stilliegen!" – "Befehl angekommen!" – "Auf, auf, auf!" Gedeckt schleicht die Reihe weiter. "Rechts Anschluß nicht verlieren!" "Links Feld geben!" Rechts ran!!" "Verfluchte Drängelei!" "Schnauze halten!" "Hinlegen!" "... Hinlegen, hinlegen!" – Sicher zwei Stunden haben wir da auf nackter Erde gelegen. Fröstelnd habe ich mir immer wieder die Mantelschlippen um die Knie gewickelt. Neben mir schläft natürlich wieder einer ..."Du!" ... Die erste Leuchtkugel von drüben. Kopf runter! Einige Esel müssen natürlich prall hochgucken nach dem vertrackten Biest. – Sie verlischt langsam. Drüben bleibt alles ruhig. Sind wir noch so weit ab, daß sie uns nicht gesehen haben, oder sind wir gedeckt? ... Pscht! ... Eine andere neue – wieder alles dunkel. Ich wage, so gut es geht, Freiübungen auf der Erde zu machen, um nicht steif zu werden. Strample mit den Beinen usw. "He, wenn die Pioniere Handgranaten werfen, alles auf und los!" "Heda, Mensch schlaf nicht, weitersagen: Wenn die Pioniere Handgranaten werfen ... So ..." Also: "Wenn die Pioniere Handgranaten werfen ..." Wüßte man bloß, wie weit es noch ist! Alles so ruhig [...] Wieder eine Leuchtkugel. [...] Also müssen wir doch wohl noch weit ab sein, sonst müßten die Rothosen uns doch bemerken und dann schießen sie doch immer ... [...] Unsere Mitte ist kaum drüben ... Ping, ping! Die ersten Schüsse von drüben. Alles dunkel. "Auf!" Pscht! ... Wieder eine Leuchtkugel. Da geht die Hölle drüben los. Ganze Salven krachen und wie Hagelkörner schwirrt's in der Luft umher. Alles rennt los. Pscht. Leuchtkugel. In langen Reihen rechts vor mir die vorstürmenden Kameraden. [...] Mußt dich hinlegen, da und da liegen sie auch schon auf dem Bauch und kriechen vor ... Ich auch ... Rechts hurra, hurra! Ich auf ... Hurra! Leuchtkugel. Hin und kriechen ... Ssst! ... Krrrch! Granaten mitten in die Reihen hinein. Verflucht nochmal! Ssst! ... Krrrrch! Sie kommen schon näher. Alles egal, weiterkriechen! Das feindliche Feuer rast. Alles ist dunkel. Kein Hurra, nur Geknall ist zu hören. Ich bleibe liegen. Ssst! Ssst! Die Kugeln kommen dichter und niedriger. Was tun? Pscht! ... Leuchtkugel ... Ich drücke mich fest an die Erde und schaue umher. In meiner Nähe lagen mehrere und rühren sich nicht. Da windet sich einer stöhnend. Ja, nun? Soll ich den Sturm fortsetzen? Ich habe keine Ahnung, nach welcher Richtung. Die Kugeln kommen von mehreren Seiten. Kein Befehl zu hören. Kein lebender Kamerad war in der Nähe. [...]


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