Feldpost: Anton Steiger

    Aus Lexikon Erster Weltkrieg


    Anton Steiger, stud. theol., Freising,

    geb. 7. Oktober 1896,
    gef. 14. Oktober 1916 an der Somme.

    17. Juli 1916.

    Der letzte Tag vor Verdun und der schrecklichste! Am 11. Juli ist unsere Kompanie nach dem Fosseswalde abmarschiert. [...] Darunter ich und meine beiden Schulkameraden Steiner und Reiser. Ungefähr 600 Meter vor unserem Bestimmungsort rasteten wir in einem Granatloch, um Kraft zu sammeln, da wir diese Strecke möglichst schnell im Marsch-Marsch machen mußten; denn da war schreckliches Sperrfeuer. Ein Granatloch könnt Ihr Euch am besten vorstellen, wenn Ihr Euch einen großen Baum samt den Wurzeln ausgerissen denkt. Ich hatte mich kaum hingelegt, da ststst! – schlägt eine Granate direkt vor uns ein. Geschrei, Gewinsel, Geheule, zugleich der Ruf: "Auf, auf, marsch, was noch kann!" Ich nahm meine letzte Kraft zusammen und sprang auf (wir waren natürlich alle bepackt); ich bin die 600 Meter nicht mehr gegangen, sondern gefallen von einem Granatloch ins andere. Im Unterstand gingen von den 17 Mann sechs ab, drei waren tot, darunter Reiser, der die neun Jahre mit mir auf der Schulbank rumgebummelt. Von den drei Verwundeten schleppte sich einer am anderen Tag bei der Frühe in unseren Unterstand. Er wurde nachts von unseren Leuten mitgenommen. Eine Granate schlug ein unter ihnen und der Verwundete samt den vier Trägern waren tot.

    Unser Unterstand war eine alte, schon halbzusammengeschossene französische Kasematte, 150 Meter vom Panzerwerk Thiaumont entfernt. Von uns gesehen, war es nur ein Erdhaufen; wie ein Fuchsloch war der Eingang. Dahinter führte eine ganz verschüttete Stiege in den Raum, in dem wir vier Tage lang lagen. Tote lagen unter dem Schutt; von einem schauten die Beine heraus bis zu den Knien. Unten waren drei Räume, einer voll französischer Leuchtraketen und Leuchtkapseln; ein Raum, so groß wie unsere Küche, in dem wir uns aufhielten, zum Teil voll französischer Munition: der dritte mit französischem Sprengstoff gefüllt. Die ganze Zeit war es stockdunkel, da wir nur ein paar Kerzenstangen hatten. Dann war ein schrecklicher Geruch da unten, ein Modergeruch von Toten. Ich habe die vier Tage fast nichts essen können. Am dritten Tage schoß die französische Artillerie mit 28ern so auf unseren Unterstand, daß wir glaubten, es falle alles zusammen. Am vierten Tage, Freitag, ging's dann schon in der Frühe los mit der schweren Artillerie bis abends ½ 10 Uhr. Was das heißt: zehn Stunden im Unterstand liegen unter Granatfeuer, zehn Stunden den Tod des Lebendigbegrabenwerdens vor Augen oder die Aussicht, in die Luft zu fliegen, falls eine Granate da einschlägt, wo der Sprengstoff liegt – es sollte anders kommen: Ein Loch war schon ganz zusammengeschossen, das andere so stark verschüttet, daß mit knapper Not ein Mann, jedoch ohne Gehänge, durchschlüpfen konnte. Wir bekamen also, da unser Keller sechs Meter hinter dem Loch und dann noch zwei Meter in der Tiefe war, fast keine Luft mehr. Zum Schluß feuerten die Franzosen wahrscheinlich Gasgranaten vor unser Loch. Auf einmal steht der Feldwebel auf, es wird ihm schlecht; ein paar weitere stehen auf und fallen um. Da schreit auch schon der Feldwebel: "Hinaus, hinauf, was noch kann!" Ich und die übrigen liegen auf unseren Tornistern. Als wir aufstehen, fallen wir samt und sonders um. Ein Wirrwarr ging los. Alles schnappte nach Luft. Alles wollte hinaus. Einer fiel, dann stockte wieder alles. Viele hatten nicht mehr die Kraft, sich hinaufzuschwingen. Ich hatte sie Gott sei Dank noch, half sogar noch einem hinaus. Draußen ins nächste Granatloch hinein! Alle waren wir kreideweiß! Wir blieben da liegen und rührten uns nicht mehr, trotz der Granaten, die rechts und links einschlugen. Ein paar kamen schneller wieder zu Kraft und holten die übrigen, die nicht mehr heraufkommen konnten. So wurden alle gerettet. Bei drei oder vier mußte man Belebungsversuche anstellen. Nach einer halben Stunde, um 10 Uhr abends, traten wir dann den Rückweg an, d. h. wir wankten zurück. Keiner konnte mehr gehen, alle fünf Minuten machten wir halt.


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