Feldpost: Eugen Röcker

    Aus Lexikon Erster Weltkrieg


    Eugen Röcker, stud. theol., Tübingen,

    geb. 9. Oktober in Ravensburg,
    gest. 21. Juni 1917 in Bremerhaven im Lazarett.

    7. Oktober 1915 (Champagneschlacht).

    Die Zeichen mehren sich, daß die Franzosen unsere Stellung angreifen wollen. Ich würde es für ein Unrecht halten, Euch nicht von dem Ernst der nächsten Tage in Kenntnis zu setzen, wenn ich es vom militärischen Standpunkt aus verantworten kann. Übermorgen komme ich in Kampfstellung. Wenn der Sturm nicht schon vorher losbricht, wird's voraussichtlich losgehen, solange ich in vorderster Linie bin. Ich weiß, daß es dabei heißer hergehen wird als bei dem Sturm im Sommer, aber ich weiß auch mit Euch, daß ich auf jeden Fall in Gottes Hand liege. Er wird es recht machen und herrlich hinausführen, sollte es auch uns Menschen oft erst später, vielleicht erst bei der Wiedervereinigung in einem höheren Leben klarwerden. Ich bin freudig gehobenen Herzens. Was haben wir zu verlieren? Nichts als unser ärmliches Leben, die Seele vermögen sie doch nicht zu töten. Was sollten wir uns fürchten? Ihr werdet für mich Kraft zum Ausharren im Granatenhagel erflehen, wenn Ihr diesen Brief in Händen habt. Ihr werdet nicht um mein irdisches Leben bitten, sondern darum, daß mich Gott im Leben und im Sterben nicht verlassen möge. Näher, mein Gott, zu dir!

    Bleib' mir dann zur Seite stehen, wenn mir Grauen macht der Tod,
    als das kühle, scharfe Wehen vor des Himmels Morgenrot!
    Wird mein Auge dunkler, trüber, dann erleuchte meinen Geist,
    daß ich fröhlich zieh' hinüber, wie man nach der Heimat reist!

    3. November 1915.

    Nun kenne ich die Entwicklung des Stellungskrieges seit einem Jahr. Riesig ist der Fortschritt. Vor einem Jahr steckte unsere Schützengrabenkunst noch arg in den Kinderschuhen, damals habe ich Euch ganz erfüllt von den Leistungen der Truppen in Schützen- und Laufgrabenanlagen geschrieben. Heute ist's dagegen ein Großbetrieb, kilometerweit ziehen sich die Laufgräben hin, alle mit Zehntausenden von "Bengeln", d. h. Knüppeln, belegt. Trockenen Fußes wäre man gestern in die Stellung gekommen, wenn man nicht vor dem Eintritt in den Laufgraben in Schlamm und Pfützen hätte waten müssen. Jeder Musketier hat jetzt einen sichereren Unterstand als damals ein Bataillons- oder Kompagnieführer. Freilich hatte man es in dieser idyllischen Zeit, da Minen und Granaten (außer leichten Granaten) im Argonnenwald eine unbekannte Größe waren, auch nicht nötig, sich bombensicher einzudecken. Man konnte es aber auch noch nicht. Mit der Zunahme der neuen Kampfmittel und ihrer fortwährenden Verbesserung aber war man genötigt, immer tiefer in die Erde zu gehen. Immer unterirdischer wird der Krieg. Immer vollkommener wird die Versorgung der Truppen mit allen Annehmlichkeiten, immer vollkommener freilich auch die "Versorgung" durch den Gegner. So ergibt sich das merkwürdige Bild eines an Schrecken reichen Kulturkrieges, während ein Bewegungskrieg viel kulturloser ist, aber auch weniger reich an ständiger Gefahr. Im Kulturstellungskrieg kann man, während man in einem tadellos eingerichteten Unterstand behaglich sitzt, jederzeit in der nächsten Sekunde tot sein. Im Bewegungskrieg schläft man etwa auf einer nassen Wiese im Nebel, unter freiem Himmel, friert unsäglich, ist aber außer Gefahrenbereich. Es tut einem also die Wahl wehe.

    Die Zeit geht riesig schnell herum. Wenn ich so den verflossenen Monat überdenke, so bin ich unendlich froh, ihn im Feld zugebracht zu haben, ja, größtenteils in Kampfstellung. Nicht um viel wollte ich diesen Monat im kugelsicheren Weingarten zugebracht haben. Auch Euch wird ein von mir im Feld glücklich überstandener Monat viel lieber sein als vier geruhsame Weingärtner-Ansiedlungswochen. Jetzt habe ich bald ein Jahr Krieg auf dem Buckel. [...] Ob mir wohl je wieder in meinem Leben ein an Hohem und Tiefem, an Freud und Leid, an Entbehrung und wahrem Genuß so reiches Jahr beschieden sein wird?


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