Feldpost: Franz Blumenfeld

    Aus Lexikon Erster Weltkrieg


    Franz Blumenfeld, stud. iur., Freiburg i. B.,

    geb. 26. September 1892 in Hamburg,
    gef. 18. Dezember 1914 bei Contalmaison.

    Im Eisenbahnzug, 24. September 1914.

    [...] Nun möchte ich Dir noch über eines schreiben, das Du Dir nach einigen Stellen in Deinen letzten Briefen vielleicht anders denkst: Warum ich mich als Kriegsfreiwilliger gemeldet habe? Natürlich nicht aus allgemeiner Begeisterung für den Krieg, auch nicht, weil ich es für eine besonders große Tat halte, sehr viele Menschen totzuschießen oder sich sonst im Kriege auszuzeichnen. Im Gegenteil, ich finde den Krieg etwas sehr, sehr Schlimmes und glaube auch, daß bei einer geschickteren Diplomatie es auch diesmal hätte gelingen müssen, ihn zu vermeiden. Aber letzt, wo er einmal erklärt ist, finde ich es einfach selbstverständlich, daß man sich soweit als Glied des Volksganzen fühlt, um sein Schicksal möglichst eng mit dem des Ganzen zu verbinden. Und auch, wenn ich überzeugt bin, daß ich im Frieden für das Vaterland und das Volk mehr tun kann als im Krieg, so finde ich es ebenso verkehrt und unmöglich, solche abwägenden, fast rechnenden Betrachtungen jetzt anzustellen, wie etwa für einen Mann, der, bevor er einem Ertrinkenden hilft, sich selbst überlegen wollte, wer der Ertrinkende wäre und ob er nicht vielleicht wertvoller sei als dieser. – Denn das Entscheidende ist die doch immer die Opferbereitschaft, nicht das, wofür das Opfer gebracht wird. [...]

    14. Oktober 1914 (in Nordfrankreich).

    ... Eines drückt mich von Tag zu Tag mehr, ich fürchte mich so vor der inneren Verrohung. Wenn Du mir ein kugelsicheres Netz wünscht, so ist das lieb von Dir, aber merkwürdigerweise hab' ich gar keine, aber auch gar keine Angst vor allen Kugeln und Granaten, sondern nur vor dieser großen inneren Vereinsamung. Ich fürchte, meinen Glauben an die Menschen zu verlieren, an mich selbst, an alles Gute in der Welt! Ach, das ist schrecklich! Viel, viel schwerer als das schreckliche Draußensein bei jedem Wetter [...], viel schwerer ist mir den unglaublich rohen Ton zu ertragen, der zwischen den Leuten hier herrscht.

    Der Anblick der Leicht- und Schwerverwundeten, der herumliegenden toten Menschen und Pferde tut gewiß weh, aber der Schmerz darüber ist lange nicht so stark und anhaltend, wie man sich das vor dem Krieg vorgestellt hatte. Gewiß kommt das zum Teil dadurch, daß man fühlt, wie unmöglich es ist, hier zu helfen. Aber ist es nicht doch schon zugleich der Anfang einer traurigen Gefühllosigkeit, beinah Roheit, oder wie ist es möglich, daß es mir weher tut, meine eigene Vereinsamung zu tragen, als den Anblick des Leids so vieler anderer? Kannst Du mich verstehen? Was hilft es, wenn mich alle Kugeln und Granaten verschonten und ich nehme Schaden an meiner Seele? So hätte man es früher ausgedrückt ...


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    November 1914.

    ... Seit acht Tagen im Schützengraben, einer Ruine, in der bei Regenwetter das Wasser rauscht und alles von Lehm und Dreck starrt und die auch Schutz gegen das furchtbare Granatfeuer gewähren soll. Kleine Menschenarbeit gegen gewaltige Kräfte ... (Fritz Meese)

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