Feldpost: Herbert Weißer

    Aus Lexikon Erster Weltkrieg


    Herbert Weißer, stud. arch., Technische Hochschule Charlottenburg,

    geb. 6. März 1894 in Lissa,
    gef. 25. Mai 1915 vor Ypern.

    Am 6. Mobilmachungstage.

    Die Gedanken lassen mir keine Ruhe, ich muß und muß immer zu Dir. Du mußt deshalb ja nicht denken, das ich hier mit schlotternden Knien in Angst vor den Kugeln der Franzosen oder Russen sitze. Im Gegenteil, ich hab' gar keine Angst vor den Kugeln, sondern eine sich weit über alle Angst erhebende tiefe Bitterkeit und Traurigkeit darüber, daß die Menschen soviel junge, noch latente Kraft in ihrem Keim ersticken – bloß weil sie sich nicht über ihre kleinlichen Fehler, Neid und Mißgunst, erheben können. Das ist die gerechte Strafe dafür, daß sie diese Schwächen nicht in sich bekämpft haben. Es gibt auch solche, die sie bekämpft haben, die so Kleinliches nicht kennen, die den anderen helfen könnten und so gerne möchten, die Fehler zu überwinden; die werden mitvernichtet ... [...]

    6. April 1915.

    Gestern war ich im Schützengraben. Dort habe ich nun einmal den eigentlichen Krieg sehen können. Alles spielt sich auf einem ganz schmalen (freilich endlos langen) Streifen Land ab, der einem viel, viel zu eng für seine Riesenbedeutung vorkommt. Und dieser Streifen Land trägt auch grünes Gras, bunte Blumen, Bäume und freundliche kleine Häuschen. Der Boden schwingt sanft auf und ab, Hecken ziehen sich durch die grünen Wiesen und auch Bäche. Aber weißt Du, was noch auf den Wiesen ist? Da liegen die Marburger Jäger: Studenten und Professoren, die Hoffnung und die Vorwärtskraft des deutschen Volkes. Einer neben dem anderen über die Wiesen hingestreckt. Ja, da war so ein junger, frischer Kerl, der war ganz vorn, vielleicht der vorderste beim Sturm. Alles um sich vergessend, ist er losgestürmt im Kugelregen. "Noch ein Sprung und dann bin ich im feindlichen Graben" – aber den Gedanken hat er nicht mehr zu Ende denken können, drei Meter vor dem Graben ist er zusammengesunken, hat's vielleicht noch gesehen, daß alles vergebens war, daß der Sturm erfolglos war, hat vielleicht noch einen Tag gelebt und ist langsam verhungert, weil ihm zwischen den Gräben keiner helfen konnte. [...]


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    Briefe gefallener Studenten

    November 1914.

    ... Seit acht Tagen im Schützengraben, einer Ruine, in der bei Regenwetter das Wasser rauscht und alles von Lehm und Dreck starrt und die auch Schutz gegen das furchtbare Granatfeuer gewähren soll. Kleine Menschenarbeit gegen gewaltige Kräfte ... (Fritz Meese)

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