Feldpost: Ludwig Finke

    Aus Lexikon Erster Weltkrieg


    Ludwig Finke, stud. iur., Freiburg i. B.,

    geb. 20. Juli 1893 in Münster i. W.,
    gef. 9. Mai 1915 vor Nieuport.

    Roulers, 26. Dezember 1914.

    Mit dem Heiligen Abend gingen zwei furchtbare Tage zu Ende. Achtundvierzig Stunden hatten wir da des Schrecklichen hinter uns. Ich habe manche Minute, die Hände um das Gewehr gefaltet, ein Gebet zu den Sternen hinaufgeschickt. Das wir heimkommen würden, glaubte keiner mehr. Aber gefürchtet habe ich mich nicht. Ich dachte nur: Gott lenke, wie es gut ist! und dann das Gefühl: Könnte man nur selber etwas tun!

    Ich wurde am 23. zum Essenholen kommandiert. Wie ich wiederkam, hatte ein Volltreffer meine Deckung zerschlagen. Mein Sitzkamerad Henn, bis an die Hüfte in Regenwasser, war tot; der Schädel durch, und ein Splitter im Rücken. Er saß noch wie eine Viertelstunde vorher, als ich ihn verließ, das Gewehr im Arm. Mein lieber Nachbar, Freund F....., hatte zwei schwere Verletzungen. Im ganzen an Toten 8 und Verwundeten 37 Mann (von 85) verloren!

    Da ich durch den Volltreffer deckungslos war, tat ich mit dem Feldwebel, meinem Unteroffizier und vier Mann das einzig mögliche: schanzen. Raus aus dem Graben und Bohlen zusammengeschleppt. Das Gewehrfeuer regte keinen von uns mehr auf; denn daran gewöhnt man sich. So arbeiteten wir im Mondschein wie die Pferde; Schaufel an Schaufel, Bohlen dazwischen. Und dabei doch die Gewißheit: Ein Volltreffer auf die Deckung, und alles ist umsonst. Aber es ist wenigstens Arbeit, und Mut erfordert sie auch. Dann werden noch die Drahtverhaue fertiggemacht, die die Pioniere liegenließen. Nun noch Flinte schußfertig und den Toten die Marke abgenommen. So bricht der Bescherungsmorgen an.

    Den ganzen 24. lagen wir in der Deckung. [...] Als ich die Meldung vom Tode unseres Kompagniechefs über die Strecke, auf der alles tot und verwundet war, weiterbeförderte, erhielt ich einen leichten Splitter auf den Helm. Mein Gewehr ist zertrümmert. Ich holte das Gewehr eines toten Kameraden.

    Dann kam die sternklare, heilige Nacht. Das Schreien der Verwundeten, das Pfeifen der Gewehrkugeln, das Platzen der Granaten – eine furchtbare Weihnachtsmusik. Endlich, um 2 Uhr, kam die Ablösung. [...]


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    Briefe gefallener Studenten

    November 1914.

    ... Seit acht Tagen im Schützengraben, einer Ruine, in der bei Regenwetter das Wasser rauscht und alles von Lehm und Dreck starrt und die auch Schutz gegen das furchtbare Granatfeuer gewähren soll. Kleine Menschenarbeit gegen gewaltige Kräfte ... (Fritz Meese)

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