Gaskrieg

    Aus Lexikon Erster Weltkrieg

    Englische abgeblasene und durch Zündschnur zur Entladung gebrachte Gasminen, daneben ein deutscher Blindgänger. Durch die Richtung der Minen und durch den stets vorherrschenden Westwind wurde das Gas den deutschen Stellungen rasch entgegengeführt.

    Artilleriemunition, deren Sprengladung Nasen- oder Augenreizstoffe beigemischt waren, wurde erstmals von Deutschen Ende Oktober 1915 verschossen. Der Einsatz reizerregender Kampfstoffe (z. B. Bromessigester oder Xylylbromid) von deutscher sowie französischer Seite erwies sich als militärisch wirkungslos, bahnte aber die Eskalation des Gaskriegs an. Im Dezember 1914 empfahl der Chemiker Fritz Haber (1868-1934), Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin, das Abblasen des in Deutschland schnell und billig herzustellenden Chlors aus Stahlflaschen.

    Unter wissenschaftlicher Beratung Habers, ab Ende 1914 Leiter der chemischen Abteilung im preußischen Kriegsministerium, wurde der erste militärische Großeinsatz von Kampfstoffen vorbereitet. Aus Pionierformationen bildete die OHL spezielle Gasregimenter. Am 22.4.1915 ließ sie in der Zweiten Flandernschlacht bei Ypern auf einer Frontbreite von etwa sechs km aus insgesamt 5730 Stahlflaschen 180 111 kg verflüssigtes Chlor gegen britische Stellungen abblasen.

    Die Verluste des unvorbereiteten Gegners betrugen schätzungsweise 6000 Geschädigte, darunter 3000 tödlich Vergiftete. Mit dem Masseneinsatz des lungenschädigenden Chlors leitete die deutsche Kriegsführung eine qualitativ neue Phase des Gaskriegs ein. Von April 1915 bis September 1917 führten die deutschen Truppen an verschiedenen Fronten insgesamt etwa 50 Blasangriffe durch. Chlor blieb wegen seiner physikalischen Eigenschaften (2,5-mal schwerer als Luft) und seiner billigen Herstellung der hauptsächliche Kampfstoffe des Blasangriffs. Die Wirksamkeit erhöhte sich durch Beimischen des lungenschädigenden Phosgens (25-75 %), ebenso durch wellenweises Abblasen über längere Dauer, was den Maskenfilter erschöpfte.

    Die Blasangriffe, die während der Schlacht an der Somme 1916 ihren Höhepunkt erreichten, verloren jedoch allmählich an Bedeutung, weil sie sehr wetterabhängig waren, umständliche Vorarbeiten erforderten und zudem die eigenen Truppen gefährdeten. Die letzten deutschen Blasangriffe erfolgten an der Westfront im Sommer 1917, an der Ostfont im Winter 1917/18.

    Ab 1916 wurde das Blasverfahren durch den artilleristischen Einsatz von Kampfstoffen (Gasschießen) verdrängt. Dabei erfuhr der Gaskrieg eine erneute Eskalation, als im Februar 1916 französische Truppen bei Verdun erstmals Grananten verschossen, die nur mit Kampfstoff (Phosgen) erfüllt waren. Die deutsche Seite setzte ab Mai 1916 das noch wirksamere Diphosgen ("Grünkreuz"-Kampfstoff) ein. Die Lungengifte Phosgen und Diphosgen verursachten während des Kriegs etwa 80 % aller tödlichen Vergiftungen. Zum Haupteinsatzmittel wurde die Artillerie. Ihr Anteil am Verbrauch der Kampfstoffe stieg von 48 % (1915) auf 98 % (1918). Im deutschen Heer machten Kampfstoffgranaten verschiedener Kaliber und Füllungen 6,4 % aller verschossenen Artilleriemunition aus.

    Österreichisch-ungarische Soldaten mit Gasmasken an der Tiroler Front

    Die Entwicklung einer wirksamen chemischen Abwehr (Gasmasken, Sauerstoffschutzgeräte, Gaswarnsystem u. a. m.) bis Ende 1916 verstärkte wiederum das Suchen nach neuen Kampfstoffen und Anwendungsmethoden. Das Bestreben nach schlagartigem Einsatz großer Kampfstoffmengen (zwecks Herstellung einer hohen Gefechtskonzentration in kurzer Zeit) führte zur Konstruktion spezieller Gaswerfer. Der erste Gaswerfereinsatz erfolgte durch britische Truppen im April 1917 bei Arras. Im deutschen Heer wurden ab Juni 1917 ebenfalls Gaswerfer verwandt und insgesamt neun Gaswerferbataillone mit je 1000 Rohren gebildet. Die Deutschen erzielten ab Sommer 1917 vor allem durch den Einsatz neuartiger Kampfstoffe einige Vorteile im Gaskrieg.

    Am 13.7.1917 setzte die OHL bei Ypern erstmals Lost ("Gelbkreuz"-Kampfstoff) ein, eine flüssige Verbindung von stark hautschädigender Wirkung. Der Einsatz dieses Geländekampfstoffs, von den Alliierten unter der Bezeichnung Yperit erst ab Juni 1918 angewandt, diente vor allem der Schaffung von vergifteten Sperrzonen. Neuartig waren auch die am 10.7.1917 an der Yser von deutscher Seite erstmals eingesetzten "Blaukreuz"-Kampfstoffe. Durch Verschießen in Brisanzgranaten als Schwebestoffe (Aerosole) zur Wirkung gebracht, durchdrangen sie den Atemfilter und erzwangen durch unerträgliche Reizwirkung das Abnehmen der Schutzmaske. Der Einsatz dieser "Maskenbrecher" zusammen mit "Grünkreuz"-Munition führte bei den alliierten Truppen zu hohen Verlusten.

    Die von allen Krieg führenden Mächten eingesetzte Kampfstoffmenge wird auf mehr als 115 000 t geschätzt. Insgesamt wurden durch Kampfstoffe mehr als eine Million Menschen geschädigt und etwa 70 000 Menschen getötet.


    Bildergalerie: Geschütze

    > Weitere Galerien

    Briefe gefallener Studenten

    November 1914.

    ... Seit acht Tagen im Schützengraben, einer Ruine, in der bei Regenwetter das Wasser rauscht und alles von Lehm und Dreck starrt und die auch Schutz gegen das furchtbare Granatfeuer gewähren soll. Kleine Menschenarbeit gegen gewaltige Kräfte ... (Fritz Meese)

    > Weitere Briefe