Luftstreitkräfte

    Aus Lexikon Erster Weltkrieg

    Fast durchgängig fand zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 das so genannte Einheitsflugzeug Verwendung: in Deutschland die "Rumpler-Taube", in Frankreich, Großbritannien und Russland Eindecker vom Typ "Blériot" und Zweidecker der Typen "Bréguet" und "Voisin". Die Flugzeuge hatten Motoren von 70-110 PS, sie erreichten eine Gipfelhöhe von 2500-3000 m und Höchstgeschwindigkeiten bis zu 120 km/h. Ihre Reichweite betrug 200-300 km. In den ersten Kriegsmonaten wurden die Flugzeuge hauptsächlich zur Luftaufklärung eingesetzt. Dabei gewann neben der Fernaufklärung vor allem mit der Herausbildung der Stellungsfronten die taktische Aufklärung an Bedeutung. Die Luftstreitkräfte entwickelten sich jedoch bald zu einer vielseitig verwendbaren Truppengattung. Die Zahl der Militärflugzeuge stieg von 1914 bis 1918 im Durchschnitt auf das zehn- bis 15-fache.

    Das rasche Anwachsen der Fliegerkräfte, die sich stetig verbessernde Flugzeugtechnik sowie der Aufbau der Luftverteidigung führten zu Veränderungen in der Organisation der Luftstreitkräfte. Die den Armeen, Generalkommandos und teilweise den Divisionen unterstellten Fliegerabteilungen hatten keine zentrale Führung. Um diesem Mangel abzuhelfen und gleichzeitig den Nachschub und das Ersatzwesen zu gewährleisten, wurde am 11.3.1915 ein Chef des Feldflugzeugwesens eingesetzt, der dem Generalquartiermeister des Heeres unterstand und an die Spitze aller Flieger- und Luftschifferabteilungen trat. Das war der entscheidende Schritt zur Loslösung der Fliegerkräfte vom Militärverkehrswesen. Am 2.4.1915 wurde bei allen AOK die Dienststelle eines Staboffiziers der Flieger geschaffen, der die Armee beim Einsatz der Fliegerabteilungen beriet.

    1915/16 verlagerte sich der Einsatzschwerpunkt der Fliegerkräfte immer stärker von der Aufklärung auf die unmittelbare Kampftätigkeit. Dies sowie die wachsende Erkenntnis über die Rolle der Luftstreitkräfte im Ringen um die Kriegsentscheidung veranlassten die OHL, die Fliegerkräfte in raschem Tempo weiter auszubauen. Dazu dienten das Hindenburg-Programm von 1916, das so genannte Amerikaprogramm von 1917, das u. a. eine Verdoppelung der Jagdfliegerkräfte bis zum 1.3.1918 vorsah, sowie die Reorganisation der Führung. An die Spitze der Luftstreitkräfte trat im Oktober 1916 Generalleutnant Ernst von Hoeppner (1860-1922) als Kommandierender General, dem alle Luftkampf- und Luftverteidigungsmittel an der Front und im Hinterland (mit Ausnahme der Marine) einschließlich des Heimatluftschutzes und der Flakartillerie unterstellt wurden. Er selbst
    Flankenangriff deutscher Marineflieger auf ein feindliches Geschwader
    unterstand unmittelbar dem Chef des Generalstabs des Heers. Am 29.11.1916 wurden die bisherigen Stabsoffiziere der Flieger zu Kommandeuren der Flieger. Sie waren nunmehr Vorgesetzte aller Fliegerkräfte ihrer Armeen. Den Armeekorps wurden Gruppenführer der Flieger zugeteilt, die für den Einsatz von Fliegerkräften an Schwerpunktabschnitten der Front verantwortlich waren. Anfang 1916 waren die Dienststellen des Befehlshabers der Marinefliegerabteilungen und des Führers der Marineluftschiffe geschaffen worden. Infolge der gesteigerten Flugzeugproduktion und der verstärkten Ausbildung von Piloten erhöhte sich die Zahl der Fliegerabteilungen sowie der Jagd- und Bombenfliegerstaffeln. Die seit Herbst 1914/Frühjahr 1915 bestehenden, vornehmlich zu Bombenangriffen bestimmten Fliegerabteilungen der OHL "Brieftaubenabteilung O (Ostende)" sowie "Brieftaubenabteilung M (Metz)" wurden 1916 in Kampfgeschwader der OHL umgebildet. Deren Zahl erhöhte sich durch Neuaufstellungen zunächst auf sieben, sank jedoch in der Folgezeit auf drei. Aus den frei werdenden Kräften entstanden im Herbst 1916 die Schutzstaffeln (Jagdflugzeuge zum Schutz der Aufklärungsflugzeuge und Artillerieflieger) sowie später die Schlachtfliegerkräfte.
    Fliegerkampfstaffel vor dem Start
    Die militärische Führung legte besonderes Gewicht auf die Verstärkung der Jagdfliegerkräfte, um der zunehmenden Luftüberlegenheit der Entente entgegenzuwirken, sowie auf den Einsatz schwerer Bombenflugzeuge gegen französische und englische Städte. Die leistungsfähigsten deutschen Jagdflugzeuge waren die "Albatros" D III sowie die "Fokker" D VII. Zu den meistgebauten schweren Bombenflugzeugen zählten die von der Gothaer Waggonfabrik hergestellten Typen sowie die so genannten Riesenflugzeuge von Siemens-Schuckert und den Zeppelinwerken Staaken. Sie waren außer mit Bomben und Flieger-MGs auch mit Funkgeräten und Luftbildkameras ausgerüstet, wodurch sich die Möglichkeiten ihres Gefechtseinsatzes gegenüber den ersten Kriegsjahren beträchtlich erweiterten. Auf Seiten der Entente standen den Fliegerkräften Deutschlands u. a. die Jagdflugzeugtypen "Nieuport", "Spad" (beide Frankreich) und "Sopwith" (Großbritannien), die Bombenflugzeuge der Typen "Bréguet" (Frankreich), "De Havilland" und "Handley-Page" (beide Großbritannien) sowie die russischen Bombenflugzeuge des Typs "Ilja Muromez" gegenüber.

    Im Verlauf des Kriegs entwickelten sich je nach dem Einsatzzweck unterschiedliche Gattungen der Fliegerkräfte. Aus den Einheitsfliegertruppen zu Kriegsbeginn entstanden Aufklärungs-, Jagd-, Bomben- und Schlachtfliegerkräfte mit eigenen Einsatzprinzipien. Es entwickelten sich Formen des Zusammenwirkens der Luftstreitkräfte mit den Landstreitkräften, in Ansätzen auch mit den Seestreitkräften.


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