Oberste Heeresleitung

    Aus Lexikon Erster Weltkrieg

    Abk.: OHL;

    Oberste Heeresleitung: Hindenburg, Wilhelm II. und Ludendorff, die auf dem Weg zum großen Hauptquartier durch die Straßen eines französischen Städtchens gehen.

    Die OHL wurde bei Ausbruch des Kriegs gebildet. An ihrer Spitze stand nominell der Kaiser, der nach der Reichsverfassung von 1871 im Krieg oberster Befehlshaber aller Streitkräfte war. Die tatsächliche Leitung der Landkriegsoperationen übernahm jedoch laut Mobilmachungsplan der Chef des Generalstabs. Er erhielt am 2.8.1914 das Recht, im Namen des Kaisers den Kommandobehörden des Feldheers selbständig Befehle zu erteilen. Nur bei grundlegenden Entscheidungen holte er (in der Regel) die Zustimmung des Kaisers ein. Der Chef des Generalstabs des Feldheers verkörperte somit die OHL und wurde vom Begriff her immer mehr mit ihr gleichgesetzt. Im weiteren Sinne verstand man unter der OHL auch sein Führungsorgan, den Generalstab des Feldheers, der mit der Mobilmachung aus dem Großen Generalstab entstand. Die OHL bildete den wichtigsten Bestandteil des Großen Hauptquartiers, dem die militärischen und politischen Spitzen Deutschlands bzw. deren Vertreter sowie die Verbindungsoffiziere der verbündeten Staaten angehörten.

    Das Scheitern der strategischen Pläne der OHL führte 1914, 1916 und 1918 in der Spitze der OHL zu personellen Veränderungen:

    • 1. OHL: Generaloberst Helmuth von Moltke (1848-1916), Chef des Generalstabs des Feldheers vom 2.8. bis 14.9.1914 (die offizielle Ablösung erfolgte am 3.11.1914);
    • 2. OHL: Generalleutnant, später General Erich von Falkenhayn (1861-1922), Chef des Generalstabs des Feldheers vom 14.9.1914 (offiziell ab 3.11.1914) bis 29.8.1916;
    • 3. OHL: Generalfeldmarschall Paul von Beneckendorff und von Hindenburg (1847-1934), Chef des Generalstabs des Feldheers vom 29.8.1916 bis 9.11.1918, Oberbefehlshaber des Feldheers vom 9.11.1918 bis 3.7.1919. An seiner Seite stand General Erich Ludendorff (1865-1937), Erster Generalquartiermeister vom 29.8.1916 bis 26.10.1918, danach Generalleutnant Wilhelm Groener (1867-1939), Erster Generalquartiermeister vom 29.10.1918 bis 3.7.1919. Sitz der OHL waren vor allem Luxemburg, Charleville-Mézières, Pleß, Kreuznach und Spa.

    Aufgrund seiner Befugnisse und Aufgaben erlangte der Chef des Generalstabs im Verlauf des Kriegs faktisch direkt oder indirekt die Leitung des gesamten Heers. Auf die Truppen des Heimatheers (Besatzungsheers), die den stellvertretenden Generalkommandos und den Kriegsministern der Bundesstaaten unterstanden, konnte er über den Kaiser Einfluss nehmen.

    Hindenburg und Ludendorff, Gemälde

    Die Tendenz einer zunehmenden Zentralisation der Führung erreichte unter der 3. OHL mit ihrer Doppelspitze eine neue Stufe. Hindenburg fungierte als eigentlicher Oberbefehlshaber des Heers und Ludendorff als Generalstabschef. Die eigens für ihn geschaffene Dienststellung des Ersten Generalquartiermeisters (bei voller Mitverantwortung für alle Entscheidungen der OHL) ermöglichte Ludendorff, bestimmenden Einfluss auf die Gesamtkriegsführung und auf wesentliche Fragen der Außen- und Innenpolitik zu nehmen. Mit der Durchführung des Hindenburg-Programms wurde der Kriegsminister weitgehend zum ausführenden Organ der OHL. Sie entschied alle wesentlichen Fragen der Bewaffnung, Ausrüstung, Ausbildung, personellen Ergänzung und Verstärkung des Heers und legte die Hauptrichtungen der Produktion von Waffen und Kriegsgerät fest. Die Chefs der obersten Waffenbehörden und technischen Spezialdienste wurden zunehmend dem Generalstabschef direkt unterstellt. In Fragen, die Land- und Seekriegführung gemeinsam betrafen, gab seine Meinung den Ausschlag. Die 3. OHL entschied über den uneingeschränkten U-Boot-Krieg, eine Frage von erstrangiger politischer Tragweite. Im Rahmen der Koalitionskriegführung spielte die OHL eine dominierende Rolle, die besonders in der am 6.9.1916 gebildeten Obersten Kriegsleitung der Mittelmächte zum Ausdruck kam. Der Chef des Generalstabs war zugleich Vorgesetzter aller Generalstabsoffiziere des Feldheers. Da die Stabschefs der hohen Kommandobehörden, z. B. der AOK und Heeresgruppenkommandos, zumeist den entscheidenden Einfluss auf die Führung der Verbände hatten, verkehrte Ludendorff hauptsächlich mit ihnen.

    Der Charakter des Kriegs bedingte, dass sich die Arbeitsgebiete und die Organisation des Generalstabs des Feldheers wesentlich veränderten und außerordentlich erweiterten. Seit Herbst 1914 nahmen die Verbindungen mit zivilen Staatsbehörden, vor allem mit der Rüstungsindustrie rasch zu.

    Die wichtigsten Organe des Generalstabschefs waren:

    • die eigentlichen Führungsabteilungen, insbesondere die Operationsabteilung; *der für die Versorgung des Feldheers verantwortliche Generalquartiermeister mit seinem Stab; *die zugeteilten bzw. unterstellten Chefs der obersten Waffenbehörden und technischen Spezialdienste; *die so genannten Außenstellen der OHL (u. a. der stellvertretende Generalstab in Berlin und die deutschen Verbindungsoffiziere bei den verbündeten Heeresleitungen). Die OHL, insbesondere die 3., vertrat weitreichende Kriegsziele im Westen und Osten zur Verbesserung der strategischen Lage: Beherrschung Belgiens mit dem Besitz von Lüttich und eines Stützpunkts an der flandrischen Küste sowie Annexion des französischen Erzbeckens von Briey und eines polnischen "Grenzstreifens" von Schlesien bis Ostpreußen unter Aussiedelung der polnischen Bevölkerung. Außerdem verlangte sie die Schaffung eines großen mittelafrikanischen Kolonialreiches. General Groener vereinbarte am 10.11.1918 mit dem Vorsitzenden des Rats der Volksbeauftragten, dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert (1871-1925), die Niederschlagung der Novemberrevolution 1918/19.

    Am 3.7.1919 wurde die OHL (Sitz in Kolberg) aufgelöst; für einige Zeit blieb noch eine so genannte Befehlsstelle für den Grenzschutz Ost bestehen. Aufgrund des Versailler Vertrags erfolgte am 1.10.1919 die Auflösung des Großen Generalstabs der Armee.


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