Paul von Beneckendorff und von Hindenburg

    Aus Lexikon Erster Weltkrieg

    deutscher Generalfeldmarschall und Reichspräsident; * 2. Oktober 1847 in Posen , † 2. August 1934 auf Gut Neudeck, Westpreußen

    Paul von Hindenburg

    Aus preußischer Soldatenfamilie stammend, besuchte Hindenburg nach kurzer Gymnasialzeit 1859-66 die Kadettenanstalten in Wahlstatt (Kreis Liegnitz) und Berlin. Die Teilnahme am Feldzug in Böhmen 1866, besonders an der Schlacht von Königgrätz, als Seconde-Leutnant im 3. Garde-Regiment zu Fuß blieb für Hindenburg zeitlebens das große Erlebnis eigener Bewährung und preußischen Waffenruhms. Den Krieg 1870/71 machte er als Regiments-Adjutant mit. Anschließend begann eine erfolgreiche Karriere im Wechsel von Truppen- und Generalstabsdienst: 1873-76 Kriegsakademie mit vorzüglichem Abgangszeugnis, 1877 Großer Generalstab mit (1878) Versetzung zum II. Armeekorps in Stettin, 1881 1. Generalstabsoffizier der 1. Division in Königsberg, 1884/85 Kompaniechef im Infanterie-Regiment 58 in Fraustadt (Posen), 1885 Großer Generalstab und Ia des III. Armeekorps in Berlin, dort auch Lehrer an der Kriegsakademie, Beginn enger Anlehnung an Schlieffen und dessen Lehre, 1889 Kriegsministerium, 1893 Kommandeur (Oberst) des Infanterie-Regiments 91 in Oldenburg, 1896 Chef des Stabs des VIII. Armeekorps in Koblenz, 1900 Kommandeur der 28. Division in Karlsruhe, 1903 Kommandierender General des IV. Armeekorps in Magdeburg. Als solcher erhielt er 64-jährig 1911 den Abschied.

    Theoretisch und praktisch hatte er sich als militärischer Führer bewährt. Der Dienst hatte ihn geprägt. Ohne politischen Ehrgeiz und besonderes politisches Interesse hatte er sich in einer sehr erfolgreichen, wenn auch nicht ungewöhnlichen militärischen Laufbahn bewährt, geradlinig und unkompliziert, in betont königstreu konservativer Tradition sich begreifend.

    Bei Kriegsausbruch war für den in Hannover im Ruhestand lebenden Hindenburg zunächst keine Verwendung vorgesehen. Als am 21.8.1914 Ludendorff zum Chef des Stabs der 8. Armee in Ostpreußen ernannt wurde, um dort die gefährliche Lage zu meistern, wurde Hindenburg Oberbefehlshaber der 8. Armee, weil ihm im Gegensatz zu seinem Vorgänger die überlegene Ruhe des Gewährenlassens gegenüber dem eigenwilligen, energisch kraftvollen neuen Chef zugetraut wurde. Diese Erwartung erwies sich als zutreffend. Ludendorff blieb im Kriege stets der erste Mitarbeiter Hindenburgs, überragte ihn aber in der Führungskunst an Entschlusskraft und Arbeitsleistung. Er prägte Hindenburg durch seinen Willen sowohl militärisch als auch politisch, ohne dass Hindenburg dies als Fremdbestimmung empfunden hätte; denn militärisch kamen beide erfahrenen Generalstäbler aus Schlieffens Schule und fanden sich auch politisch in gleicher Gesinnung zusammen. Die beiderseitige Entfremdung und die von Ludendorff betriebene Herabsetzung Hindenburgs begannen erst nach dem Krieg.

    Generalfeldmarschall von Hindenburg verleiht Soldaten des 3. Garde-Regiments, dem er früher angehörte, Eiserne Kreuze.
    In der Schlacht von Tannenberg, deren Namensgebung in Anknüpfung an 1410 auf Hindenburgs Vorschlag beim Kaiser zurückgeht, bewährte sich die gemeinsame Führung von Chef und Oberbefehlshaber zum ersten Mal. Schlieffens "Cannae" war verwirklicht worden. Hindenburg wurde nicht nur zum "Retter Ostpreußens", sondern zum populären Symbol des deutschen Siegeswillens. Der Hindenburg-Mythos begann sogleich nach Tannenberg, steigerte sich während des Krieges und überdauerte die Niederlage in den "vaterländisch" gesinnten Massen. Mitte September 1914 übernahmen Hindenburg und Ludendorff als Oberbefehlshaber und Chef die in Kongresspolen operierende 9. Armee, am 1.11.1914 den Oberbefehl über alle deutschen Truppen der Ostfront ("Oberbefehlshaber Ost"). Von dieser Stellung aus versuchten sie vergeblich, Wilhelm II. und den Chef des Generalstabs von Falkenhayn dazu zu bewegen, die Ostfront so zu verstärken, dass die schnelle Kriegsentscheidung im Osten erzwungen werden konnte.

    Der Konflikt zwischen der Obersten Heeresleitung (OHL) und "Ober-Ost" hielt an, bis nach dem Scheitern der Verdun-Offensive sowie dem Kriegseintritt Rumäniens Falkenhayn entlassen wurde und Hindenburg am 29.8.1916 sein Nachfolger - mit Ludendorff als voll mitverantwortlichem "Erstem Generalquartiermeister" - wurde. Die neue OHL geriet, je stärker der Krieg nicht nur militärisch geführt werden musste, sondern schwere kriegswirtschaftliche, außen- und innenpolitische Entscheidungsfragen aufwarf, zunehmend in die politischen Auseinandersetzungen hinein und gewann angesichts der Führungsschwäche des Kaisers und seiner Reichskanzler 1917/18 eine Schlüsselstellung. Hindenburg handelte auch dabei stets im Einvernehmen mit dem die Entscheidungen maßgeblich bestimmenden Ludendorff, so besonders in der Polenfrage, im Durchsetzen des unbeschränkten U-Boot-Kriegs und im Drängen auf die Entlassung des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg. Die dem "Vaterländischen Hilfsdienstsgesetz" von 1916 zugrunde liegenden Vorbereitungen deckte Hindenburg mit seinem Namen ("Hindenburg-Programm"). In den letzten Kriegsmonaten sah er sich der bisher ungewohnten Belastung ausgesetzt, selbst und unabhängig von Ludendorff Entscheidungen fällen zu müssen. So suchte er im Juli 1918 vorübergehend eine von Ludendorff scharf abweichende Strategie durchzusetzen (Gegenoffensive statt hinhaltender Verteidigung), die freilich durch die Ereignisse schnell überholt wurde. Nach Aussöhnung mit Ludendorff kam es Ende Oktober zur Entfremdung zwischen beiden, als Ludendorff entlassen wurde und Hindenburg sein Entlassungsgesuch auf Drängen des Kaisers und des Kriegskabinetts zurückzog.

    Der Kaiser, Generalfeldmarschall von Hindenburg und General Ludendorff beim Kartenstudium im Großen Hauptquartier.
    Hindenburg begab sich durch sein Bleiben de facto, wenn auch gegen seine eigentliche Absicht und Überzeugung, auf den durch die 3. Wilson-Note vom 23.10. vorgezeichneten Weg, der zur Abdankung des Kaisers und zur bedingungslosen Annahme des Waffenstillstandsvertrags führte. Im November 1918 trug Hindenburg, nunmehr beraten und bestimmt durch Ludendorffs Nachfolger General Groener, entscheidend dazu bei, dass der Übergang von der Monarchie zur Republik unter den Bedingungen der Niederlage, materieller Not und Revolutionsgefahr verhältnismäßig reibungslos gelang. Denn Hindenburg blieb in seinem Amt, geachtet vom größten Teil des Volks und der Front, und wurde von Ebert und der SPD-Mehrheit für unentbehrlich gehalten. Hindenburg drängte am 10.11. auf schnelle Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrags, stellte sich der neuen Regierung zur Verfügung, um das Frontheer geordnet zurückzuführen und mit Hilfe der Arbeiter- und Soldatenräte Ruhe und Ordnung aufrechterhalten zu helfen. Hindenburg betrachtete sich als zum Ausharren in der Verantwortung verpflichtet und ging, bei geschickter Vermittlung des demokratisch gesinnten Generals Groener, bewusst ein Bündnis mit der provisorischen Regierung des Rats der Volksbeauftragten ein, da ihn mit Ebert und Noske die Überzeugung verband, dass Ruhe und Ordnung gegen die weitertreibende Revolution von links unter allen Umständen bewahrt werden sollten. Auf Grund der Schlüsselstellung, die Hindenburg und Groener besaßen, gelang es ihnen schnell, die Kommandogewalt im Heer wieder zu festigen und Freiwilligenverbände aufzustellen, die - zuerst im Januar 1919 in Berlin - mit Erfolg gegen linksrevolutionäre Aufständische eingesetzt wurden. Nach Annahme des Friedensvertrags von Versailles durch den Reichstag und die (umgebildete) Reichsregierung nahm Hindenburg den Abschied, nachdem Groener vorher mit seinem Einverständnis Ebert gegenüber die Annahme des Friedensvertrags als unausweichlich bezeichnet hatte. Hindenburg zog sich in Hannover in den Ruhestand zurück, ohne die Absicht zu haben, sich öffentlich politisch zu betätigen.

    Im April 1925 stellte er sich - selbst parteilos - nach einigem Widerstreben zum 2. Wahlgang der Reichspräsidentenwahl als überparteilicher Kandidat der Rechtsparteien einschließlich der bayerischen Volkspartei zur Verfügung. Er wurde mit der relativen Mehrheit von gut 48 %, vor Marx (Zentrum) mit 45 % und Thälmann (KPD) mit 6 %, gewählt. Trotz monarchistischer Grundhaltung hielt sich Hindenburg an die Weimarer Verfassung. Allerdings fielen bereits in seine erste Amtszeit die Abkehr vom reinen Parlamentarismus und die Einführung des Präsidialkabinetts (das erste unter Brüning 1930). 1932 wiedergewählt, berief er Papen, Schleicher und schließlich Hitler zum Reichskanzler. Letzterer verstand es, Hindenburgs Popularität für sich auszunutzen und den greisen Marschall dabei immer weiter in den Hintergrund zu schieben.


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