Schlacht bei Caporetto

    Aus Lexikon Erster Weltkrieg

    (24.10.-2.12.1917)

    auch: Zwölfte Schlacht am Isonzo;

    Isonzo-Offensive. Aus der zertrommelten vordersten italienischen Stellung bei Fritsch durchstoßende, durch Dickicht und Drahtverhau überlaufende Italiener

    Die nach dem Fluss Isonzo bezeichnete Front von Flitsch bis zur Adriaküste war auf dem oberitalienischen Kriegsschauplatz für beide Seiten die Hauptfront. Seit 1915 hatten die italienischen Truppen am unteren Isonzo mit elf Offensiven (Isonzoschlachten) vergeblich versucht, nach Triest durchzubrechen. Unter schweren Verlusten konnten sie ihre Frontlinie bis September 1917 nur bis zu zwölf km vorschieben. Da aber die österreichisch-ungarische Verteidigung sehr geschwächt war, hielten es die OHL und das österreichisch-ungarische AOK für notwendig, einer neuen italienischen Offensive mit einer gemeinsamen begrenzten Angriffsoperation zuvor zukommen. Ihr Ziel sollte sein, den Gegner hinter den Tagliamento zurückzudrängen und die eigene Verteidigung zu stabilisieren. Österreich-Ungarn allein besaß dafür nicht genügend Kräfte und Mittel. Für die Angriffsoperation wurde daher die deutsche 14. Armee eingeführt. Die Leitung hatte das österreichisch-ungarische Oberkommando im Einvernehmen mit der OHL, was nicht ohne Reibungen abging.

    Der Angriffsplan beruhte wesentlich auf der Überraschung des Gegners und einer kurzen, aber äußerst massierten Artillerievorbereitung. Nach Ansicht der OHL und des AOK 14 konnte der Durchbruch nur gelingen, wenn er in einem Zuge erreicht wurde. Den Hauptstoß führte die 14. Armee auf etwa 35 km Breite (nördlich Flitsch bis südlich Selo) im Hoch- und Mittelgebirgsgelände, unterstützt von österreichisch-ungarischen Truppen. Hier, am mittleren Isonzo, wo bisher noch keine schweren Kämpfe stattgefunden hatten, war der Gegner schwächer. Die 14. Armee umfasste 15 Divisionen (drei als Reserve), 1845 Geschütze (davon 492 schwere), über 350 Minenwerfer, etwa 1000 Gaswerfer, 100 Flugzeuge u. a. Für den Gebirgskrieg waren acht zumeist österreichisch-ungarische Divisionen besonders vorbereitet. Die deutsche Seite setzte ein: sieben Divisionen, 540 Geschütze (davon 104 schwere), 216 Minenwerfer, sämtliche Gaswerfer (erstmaliger Einsatz), Flugzeuge und besonders technische Formationen. In den Hauptangriffsrichtungen, aus dem Raum von Flitsch und von Tolmein, vor allem aber auf Karfreit, bestand eine starke Konzentration an Kräften und Mitteln. Die maximale Artilleriedichte erreichte etwa 220 Rohre auf einen km. Die italienische Seite verfügte über zahlenmäßig stärkere Kräfte und Mittel. Ihre Führung erwartete aber die Offensive vor allem am unteren Isonzo, so dass der 14. Armee in der vorderen Linie nicht mehr als fünf Divisionen und schätzungsweise 400-500 Geschütze gegenüberstanden. Die italienische Führung, durch Überläufer vom Angriff unterrichtet, unterschätzte zudem die Gefahr. Zu dieser Zeit befanden sich das italienische Heer und das Hinterland in einer tiefen Krise. Die Soldaten waren kriegsmüde. Im März 1917 hatten an der Isonzofront ganze Brigaden den Gehorsam verweigert. Seit Mai beliefen sich die Verluste des Heers auf 720 000 Mann. Das Hinterland war durch den Streik der Turiner Arbeiter Ende August erschüttert.

    Kampfgebiet am Isonzo in der Woche 22.-29.10.1917

    Die Angriffsoperation begann am 24.10.1917 mit einer etwa siebenstündigen massierten Artillerievorbereitung. Bis zum 26.10. durchbrach die 14. Armee die italienische Verteidigung in ihrer gesamten taktischen Tiefe. Dagegen kamen die Angriffe des rechten Flügels der österreichisch-ungarischen 2. Armee nicht voran. Angesichts der Überlegenheit der Verbündeten in den Hauptangriffsrichtungen und der stellenweise verheerenden Wirkung des Feuers der Artillerie, der Minen- und Gaswerfer wirkte sich die Kriegsmüdigkeit der Soldatenmassen besonders folgenschwer aus. Der größte Anfangserfolg wurde bei Karfreit erzielt und ausgenutzt. Am 27.10. erreichten die Truppen der 14. Armee bei Cividale del Friuli die Ebene, eroberten am 28.10. Udine und standen tags darauf mit Vorhuten am Tagliamento. Von der italienischen 2. Armee existierten nur noch aufgesplitterte Teile. Ganze Regimenter und Einheiten flohen unter Zurücklassen der Waffen oder gingen in Gefangenschaft. Nachdem der Nordflügel der italienischen Isonzofront zusammengebrochen war, mussten sich die Truppen vom unteren Isonzo (3. Armee) und aus den Karnischen Alpen rasch zurückziehen, um nicht abgeschnitten zu werden. Hunderttausende flüchtende Zivilisten verstopften die Straßen. Am Tagliamento kam die Offensive vorübergehend zum Stehen (31.10.-2.11.), da alle Brücken gesprengt waren.

    Der unerwartete große Erfolg und das weitere rasche Vordringen der verbündeten Armeen nach Westen weckten bei der OHL und dem österreichisch-ungarischen Oberkommando verstärkte Zuversicht. Sie hofften, den Piave rasch forcieren, bis zur Linie Rovereto-Venedig vordringen und Italien zum Waffenstillstand veranlassen zu können. Dazu dienten seit Anfang November auch die Angriffe der Heeresgruppe Conrad in Südtirol (bei Asiago), die jedoch scheiterten. Italiens Niederlage beschleunigte die Bildung des Obersten Kriegsrats der Alliierten am 5.11., der Sofortmaßnahmen zur Unterstützung des italienischen Heers beschloss. Mitte November ging die Offensive der Mittelmächte am Piave in den Stellungskrieg über. Nach einem Vormarsch bis zu 140 km waren die Truppen erschöpft, Reserven und Munition fehlten. Der Gegner, seit Ende November durch sechs französische und vier britische Divisionen verstärkt, baute hinter dem Piave eine neue Verteidigungslinie auf. Am 2.12. wurde die Schlacht endgültig beendet. Der Abtransport der deutschen 14. Armee dauerte bis Februar 1918.


    Das italienische Heer verlor bis zum 10.11. 40 000 Tote und Verwundete, 293 000 Gefangene, außerdem 3152 Geschütze, 1772 Minenwerfer, 1600 Kraftfahrzeuge u. a. m. 350 000-400 000 Soldaten waren versprengt und ins Hinterland desertiert. Die Mittelmächte büßten etwa 65 000 Mann ein. Die Angriffsoperation am Isonzo gehört zu den wenigen Operationen im Ersten Weltkrieg, in denen es gelang, den taktischen Durchbruch in Ansätzen operativ auszunutzen.


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