Schlacht um Gallipoli

    Aus Lexikon Erster Weltkrieg

    (25.4.1915-9.1.1916)

    Der englische Truppentransporter "River Clyde" (in der linken Bildhälfte) fuhr direkt auf den Strand von Gallipoli.

    Nach dem Misserfolg der englisch-französischen Marineoperation gegen die Dardanellen im März 1915 wurde eine Landstreitmacht mit dem Befehl zur Sicherung des entscheidenden Wasserwegs auf die Halbinsel von Gallipoli entsandt. Das endgültige Ziel war die Einnahme Konstantinopels; dies sollte die erste leistungsfähige Nachschubroute nach Russland eröffnen und zudem den Zusammenbruch des türkischen Imperiums beschleunigen. Außerdem existierte die - unwahrscheinlichere - Möglichkeit des Aufbaus einer neuen Front gegen die Deutschen, die die Pattsituation an der Westfront auflösen würde.

    Die Schwierigkeiten bei der Umsetzung dieses einfallsreichen Plans, bei dessen Entwurf Winston Churchill entscheidend mitgewirkt hatte, wurden bald deutlich. Der Kommandeur der Expeditionstruppe, General Sir Ian Hamilton, brach aus England ohne Stab und ohne aktuelle Informationen über die türkische Verteidigung auf; es gab zudem große Verzögerungen bei der Entsendung der benötigten Einheiten. Als die ersten Soldaten auf der Insel Lemnos, der rückwärtigen Basis der Operation, eintrafen, wurde die gesamte Expedition nach Alexandria in Ägypten umgeleitet, um Soldaten und Ausrüstung in den Transportern neu zu verteilen. Damit das Chaos geordnet werden konnte, wurde die Operation um über einen Monat verschoben; dies gab den Türken ausreichend Zeit zur Vorbereitung auf den offensichtlich bevorstehenden Angriff.

    Sechs türkische Divisionen (84 000 Mann) unter dem Kommando von General Liman von Sanders wurden in die Region verschoben und an den zu erwartenden Landeplätzen aufgestellt. Die kleinere alliierte Streitmacht aus fünf Divisionen (75 000 Mann) schien für die schwierige amphibische Landung, die sie unternehmen sollte, kaum geeignet. Allerdings behielten die Alliierten durch die Wahl von Landestelle und -zeitpunkt einen gewissen Überraschungseffekt.

    Die Landung wurde am 25.4.1915 an zwei Stellen der Südspitze Gallipolis durchgeführt. Die Hauptstreitmacht mit 35 000 Soldaten unter dem Befehl von Sir Aylmer Hunter-Weston ging an fünf Stellen auf Kap Helles an Land. Weiter die Küste hinauf landete das deutlich kleinere australische und neuseeländische Korps (ANZAC) mit 17 000 Mann unter dem Kommando von Sir William Birdwood bei Ari Burnu, 1,5 km nördlich von Gaba Tepe, dem eigentlich anvisierten Landepunkt. Die französische Division führte eine Ablenkungslandung in Kum Kale an der asiatischen Küste durch, während die übrigen britischen Truppen nach Norden weiterfuhren, um dem Feind den Eindruck eines weiteren Invasionsziels zu vermitteln.

    Gegen die fortwährenden Landungsversuche der Engländer werden von den Türken an der Dardanellenfront in aller Eile Abwehrstellungen gebaut. Gallipoli 1915.

    Die weit verstreuten Aktivitäten verwirrten die Türken zunächst. Sanders benötigte zwei Tage, um seine Einheiten zu konzentrieren; während dieser Zeit verteidigte lediglich eine türkische Division die angegriffene Region. Den eindringenden Truppen gelang es jedoch nicht, diesen anfänglichen Vorteil umzusetzen, und sie verloren ihn rasch wieder. Die Landungen auf zwei Stränden von Kap Helles stießen auf Schwierigkeiten, da die britischen Truppen durch stetigen Maschinengewehrbeschuss festgehalten wurden; sonst wurde jedoch wenig oder keine Gegenwehr geleistet. Nachdem die beiden Strände erobert worden waren, blieb die britische Streitkraft inaktiv, statt vorzurücken und damit die türkischen Verteidiger abzuschneiden - ein verheerender Fehler der Kommandeure und in der taktischen Koordination. Die Landung des ANZAC-Korps nördlich von Gaba Tepe konnte praktisch ungehindert stattfinden. Zumindest an dieser Stelle schoben sich die Alliierten rasch ins Inland vor, die Hänge hinauf Richtung Chunuk Bair, einer Anhöhe, die die gesamte Halbinsel überragte. Dieser Vorstoß wurde bald durch eine entschlossene Gegenoffensive aufgehalten, mit der Colonel Mustafa Kemal (Kemal Atatürk) die ANZACs bis zum Abend des ersten Tags bis auf die Strände zurückdrängen konnte.

    Aufgrund dieser Ereignisse war die Stellung der Alliierten überall auf die kleinflächigen Landungsköpfe beschränkt und jeder Versuch einer Vertreibung der türkischen Truppen, die die beherrschenden Anhöhen ringsum besetzt hielten, endete in einem Fehlschlag. Die Alliierten waren zudem während der Operation durch Munitionsmangel eingeschränkt, aufgrund dessen die Artillerie nicht voll eingesetzt werden konnte. Die Türken konnten den Feind jedoch trotz des vorbereiteten Nachschubs nicht von der Halbinsel verdrängen, da sich die alliierten Truppen am Strand sicher verschanzt hatten. Es entstand eine Pattsituation, die der an der Westfront nicht unähnlich war, und in der für den Versuch, die Oberhand zu gewinnen, ebenfalls gewaltige Verluste zu erwarten waren. Nach zweiwöchigen, erbitterten Kämpfen hatte Hamilton beinahe ein Drittel seiner Soldaten verloren.

    Zwei Monate verstrichen, bis die britische Regierung entschied, die Streitkraft auf insgesamt zwölf Divisionen zu verstärken; inzwischen war die Anzahl türkischer Truppen ebenfalls erhöht worden. Einer der Hauptgründe für diese fatale Verzögerung war der Widerstand britischer und französischer Kommandeure an der Westfront gegen der Abzug von Einheiten vom allgemein als am wichtigsten angesehenen Kriegsschauplatz.

    Im August 1915 unternahm Hamilton einen zweiten Versuch, die Kontrolle über die Halbinsel zu gewinnen. Dieser war mit einem Doppelschlag gegen die Türken verbunden. Die auf Ari Burnu (heute Anzac-Bucht) stationierten ANZACs sollten die Hauptanstrengung unternehmen und einen Nachtangriff auf ihr ursprüngliches Ziel, die Anhöhe von Chunuk Bair, durchführen. Sie hätten beinahe Erfolg gehabt; eine Fehlerserie und die Erschöpfung der Truppen verhinderten jedoch den endgültigen Durchbruch. Gleichzeitig hatte eine neue Landung in der Bucht von Sulva einige Kilometer weiter nördlich stattgefunden, die jedoch ebenfalls fehlschlug.

    Ungefähr 25 000 Mann landeten ohne bedeutende Gegenwehr in der Anzac-Bucht. Die Streitkraft konsolidierte jedoch ihre Landestelle, statt bei sich bietender Gelegenheit weiter vorzurücken. Diese Passivität war vor allem auf die mangelnde Führungsstärke des Kommandeurs Sir Frederick Stopford zurückzuführen, der es während der kritischen Phasen vorzog, auf seinem Schiff zu bleiben. Als die Truppen am 9.8. endlich zu einem Vormarsch ins Inland bereit waren, war es zu spät: Die türkischen Reserven waren bereits zusammengezogen worden.

    Erneut waren die Alliierten in einer gefährlichen Lage, die durch Krankheiten und den nahenden Winter noch verschärft wurde. Es war deutlich geworden, dass die Operation ein Fehlschlag war; dennoch zögerte die britische Regierung noch mit einem Rückzugsbefehl. Zum einen befürchtete man einen Verlust des nationalen Ansehens, zum anderen fürchtete die Heeresleitung hohe Verluste während der komplizierten Evakuierung. Hamilton, der eine neue Offensive mit größerem Truppeneinsatz erwog, war der Regierung ein Dorn im Auge und wurde am 22.10. durch General Sir Charles Monro, der außerdem die Saloniki-Kampagne befehligte, ersetzt. Nach einem kurzen Besuch an der Front ordnete der neue Kommandeur eine vollständige Evakuierung an: "Er kam, er sah und er kapitulierte", fasste Churchill die Situation einprägsam zusammen. Das Kabinett akzeptierte Monros Rat schließlich als einzig durchführbare Möglichkeit.

    Der Rückzug der Truppen aus der Sulva- und der Anzac-Bucht wurde am 18.12. abgeschlossen; Kap Helles war am 9.1.1916 vollständig geräumt. Dies war die erfolgreichste Phase der gesamten Operation, da nicht ein Soldat verloren wurde. Insgesamt waren die Verluste sehr hoch: In den britischen, französischen und ANZAC-Einheiten betrugen sie etwa 250 000 Mann; die Türken hatten vermutlich ebenso viele Gefallene. 410 000 britische und 70 000 französische Soldaten waren auf der Halbinsel gelandet.

    Das Misslingen dieser ebenso schlecht geplanten wie durchgeführten Operation hatte zur Folge, dass die Seewege durch das Schwarze Meer verschlossen blieben und Russland weiterhin von den Alliierten abgeschnitten war. Darüber hinaus war die Position derjenigen gestärkt worden, die die Westfront als entscheidenden Kriegsschauplatz ansahen und den konzentrierten Einsatz alliierter Kampfstärke an dieser Front forderten. Schließlich verließ einer der stärksten Befürworter der Schlacht von Gallipoli, Winston Churchill, die Regierung mit einem schwer angeschlagenen Ruf, der zu Kriegszeiten nicht wieder hergestellt werden konnte.


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