Schlacht um Verdun

    Aus Lexikon Erster Weltkrieg


    (Februar-Dezember 1916)

    Ende 1915 beschloss die Oberste Heeresleitung (OHL), 1916 die Kriegsentscheidung im Westen herbeizuführen, wobei der Chef des Generalstabs des Feldheers, General Erich von Falkenhayn (1861-1922) glaubte, mit relativ geringen Kräften, aber gewaltigem Artillerieeinsatz dem französischen Heer bei Verdun eine vernichtende Niederlage bereiten zu können. Er nahm an, das französische Oberkommando würde versuchen, Verdun als den nördlichen Eckpfeiler der französischen Festungsfront um jeden Preis zu halten, und dafür immer neue Kräfte einsetzen. Auf diese Weise sollte das französische Feldheer nach und nach auf Verdun gezogen und dort ausgeblutet werden. Außerdem spekulierte Falkenhayn darauf, die neu aufgestellten britischen Armeen zu einer verfrühten Entlastungsoffensive zu veranlassen und danach entscheidend schlagen zu können. Zugleich sollte der uneingeschränkte U-Boot-Krieg die britische Wirtschaft abschnüren und dazu beitragen, den Hauptgegner Großbritannien zum Frieden zu zwingen.

    Die Offensive (Deckname "Gericht") wurde vom Oberkommando der 5. Armee vorbereitet und geleitet, das im Gegensatz zu Falkenhayn eine rasche Eroberung Verduns durch Angriffe auf beiden Maasufern plante. Falkenhayn begrenzte jedoch die Offensive auf das östliche Maasufer. Vorgesehen waren dafür zehn Divisionen. In der Hauptrichtung (Nordabschnitt mit Fort Douaumont), dem stärksten Abschnitt des Festungsbereichs, konzentrierte sich das AOK 5 auf 13 km Breite, sechseinhalb Divisionen und 858 Geschütze, davon 576 schwere und schwerste. Die maximale Artilleriedichte betrug 160 Rohre je Frontkilometer. Außerdem verfügte die 5. Armee über 202 Minenwerfer und starke Fliegerkräfte (168 Flugzeuge, mehrere Luftschiffe und zahlreiche Fesselballons). 2,5 Millionen Granaten wurden bereitgelegt, darunter ein großer Teil Gasgranaten. Das deutsche Angriffsverfahren gründete sich vor allem auf eine kürzere, massierte Artillerievorbereitung, um den Gegner zu überraschen. Zur Verstärkung des Infanterieangriffs wurden Flammenwerfer und besondere Handgranatentrupps eingesetzt. Auf französischer Seite standen anfangs nur drei Divisionen und 263 Geschütze. Die Stärke Verduns lag in der Kombination von ständigen Befestigungsanlagen (Forts) und Feldbefestigungen, die dem hügeligen und auf dem Ostufer schluchten- und waldreichem Gelände angepasst waren. Die ständigen Befestigungen waren jedoch weitgehend desarmiert, die vorgelagerten drei Feldstellungen unfertig. Schlechtes Wetter zwang dazu, den Angriffstermin mehrfach zu verschieben, so dass der Gegner seine Verteidigung verstärken konnte und die Überraschung teilweise verloren ging.

    Luftaufnahme des schwer umkämpften Douaumont, des stärksten Panzerwerks der Festung Verdun

    Mit der Offensive ergriff zunächst das deutsche Heer die strategische Initiative und störte erheblich die französisch-britischen Vorbereitungen für die Angriffsoperation an der Somme 1916. Die Offensive begann am 21.2.1916 mit einer achtstündigen, zeitweise zum Trommelfeuer gesteigerten Artillerievorbereitung von bis dahin unerreichter Stärke und erzielte beträchtliche Anfangserfolge. Mit der Einnahme des Forts Douaumont durch deutsche Truppen (25.2.) erreichte die Krise auf französischer Seite ihren Höhepunkt. Doch die deutsche Angriffskraft war vorerst erschöpft, während sich die französische Verteidigung durch Reserven stabilisierte. Das französische Oberkommando hatte sich entschlossen, Verdun unbedingt zu halten und dafür alle verfügbaren Heeresreserven, insbesondere die 2. Armee, einzusetzen. Da die Eisenbahnlinie Clermont - Verdun durch deutsches Artilleriefeuer zerstört war, erfolgten die operative Umgruppierung und die Versorgung hauptsächlich durch motorisierte Kolonnen auf der Straße Bar-le Duc - Souilly - Verdun. Das war erstmalig in der neueren Kriegsgeschichte. Vom 22.2 bis 7.3. wurden 190 000 Mann und 25 000 t Material mit 3900 Kfz heran transportiert.

    Der Moment des Angriffs: deutsche Infanterie geht mittels Flammenwerfer und Handgranaten zum Sturm auf die Höhen des "Toten Mannes" über.

    Ab Ende Februar versuchten die deutschen Truppen, die Befestigungen von Verdun abschnittsweise zu erobern. Es entwickelte sich die erste große so genannte Material- oder Zermürbungsschlacht des Kriegs. Sie bestand aus vielen Angriffs- und Verteidigungsgefechten und massiertem Artillerieeinsatz, der immer wieder gesteigert wurde und das Gelände in ein ödes Trichterfeld verwandelte. Die deutschen Truppen mussten den Kampf vorwiegend in kleinen Gruppen mit Maschinengewehren in Granattrichtern führen. Forts und Reste zertrümmerter Dörfer wurden wochen- und monatelang erbittert umkämpft. Um das französische Flankenfeuer vom West- auf das Ostufer der Maas auszuschalten, wurden die deutschen Angriffe am 6.3. auf das westliche Maasufer ausgedehnt. Bis Ende Mai lag dort das Schwergewicht der Schlacht. In wochenlangen, beiderseits verlustreichen Kämpfen eroberten die deutschen Truppen die Höhen Toter Mann (Ende Mai) und 304, doch das französische Flankenfeuer blieb. Ab Ende März besaß die französische Seite die allgemeine Überlegenheit an Kräften und Mitteln und im Mai auch die Luftüberlegenheit. In der ersten Junihälfte erreichte die Schlacht ihren Höhepunkt. Am 7.6. eroberten deutsche Truppen Fort Vaux und kamen damit bis auf vier km an die Stadt Verdun heran.

    In dieser für Frankreich kritischen militärischen Situation begann sich jedoch die erfolgreiche Offensive der russischen Südwestfront (Brussilow-Offensive) auszuwirken. Die OHL musste Kräfte und Mittel aus dem Westen abziehen. Nachdem auch der vom 21. bis 23.6. unter Einsatz des neu entwickelten so genannten Grünkreuz-Kampfstoffs (Gaskrieg) geführte deutsche Großangriff gescheitert war und die britisch-französische Offensive an der Somme (ab 24.6.) eingesetzt hatte, musste die OHL am 12.7. für die Verdunfront den Übergang zur Verteidigung anordnen. In der Folgezeit wurden der dezimierten deutschen 5. Armee zunehmend Kräfte und vor allem Artillerie für die Sommefront entzogen. Den endgültigen Abbruch der Offensive, die die französische Front nur sieben bis zehn km zurückgedrückt hatte, befahl die OHL am 2.9. nach Falkenhayns Sturz. Ab Mitte Juli wurde der Verlauf der Schlacht von den französischen Truppen bestimmt. Gestützt auf ein neues, vorwiegend auf die Überraschung gegründetes Angriffsverfahren (Anwendung der so genannten Feuerwalze), eroberten sie am 24.10. Fort Douaumont und am 2.11. Fort Vaux zurück. Noch erfolgreicher verlief ihr Angriff vom 15. bis 18.12., bei dem die deutsche Abwehr zusammenbrach. Die deutschen Truppen hatten damit einen Großteil des vom Februar bis Juli unter schweren Verlusten eroberten Geländes wieder eingebüßt.

    In der Schlacht um Verdun erlitt das deutsche Heer seine schwerste Niederlage seit der Marneschlacht 1914. Es verlor insgesamt 337 000 Mann an Toten, Vermissten, Verwundeten und Gefangenen, der Gegner 377 000 Mann. Bis zum 1.9. wurden 47 deutsche und 80 französische Divisionen eingesetzt. Auf dem räumlich begrenzten Schlachtfeld (15-30 km Breite und bis zehn km Tiefe) gingen über 14 Millionen deutsche und 15 Millionen französische Granaten nieder. In der "Hölle von Verdun" nahm die Kriegsmüdigkeit unter den Soldaten beider Seiten rapide zu. Die Niederlage des deutschen Heers bei Verdun war eine wesentliche Voraussetzung für den im Sommer 1916 einsetzenden grundlegenden militärischen Umschwung zugunsten der Entente.


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