Vorgeschichte

    Aus Lexikon Erster Weltkrieg

    Ursachen und Hintergründe

    Postkarte zum Dreibund: "Einigkeit macht stark. Viribus unitis"

    Von Deutschland und seinen Verbündeten gegen die Entente und die mit ihr alliierten und assoziierten Mächte geführt, erwuchs der Weltkrieg aus den Gegensätzen, die sich im Zeitalter des Imperialismus zwischen den europäischen Großmächten herausgebildet und durch deren Rüstungswettlauf erheblich verstärkt hatten.

    Neben den Spannungen eines übersteigerten Nationalismus wirkten sich zwei Krisenherde nach der Jahrhundertwende besonders gefährlich aus: die seit der Abtrennung von Elsass-Lothringen bestehende Gegnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland, die besonders in den Marokkokrisen hervortrat, und der Konflikt zwischen Österreich, Ungarn und Russland auf dem Balkan durch die nationalistischen Selbständigkeitsbestrebungen der Südslawen, die, vom russischen Panslawismus gefördert, den Bestand der k. u. k.-Monarchie bedrohten. Dabei standen sich die Staaten seit 1892 in zwei Mächtegruppen gegenüber (Dreibund Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien und Zweibund Russland und Frankreich), die sich ungefähr die Waage hielten, obwohl der Dreibund durch die Südtiroler Frage belastet und Österreich selbst militärisch und finanziell die schwächste europäische Großmacht war.

    Eine bedeutende Verschiebung im politischen Kräfteverhältnis trat erst ein, als Großbritannien sich nach Verzicht auf seine Splendid Isolation nicht mit Deutschland, sondern mit Frankreich arrangierte (Entente). Der forcierte deutsche Flottenbau hatte trotz Flottenbesprechungen eine zunehmende Entfremdung gebracht, so dass die britische Regierung einen Ausgleich mit ihrem weltpolitischen Rivalen Russland suchte (1907) und die Beziehungen zu Frankreich intensivierte (1912). Ein festes Bündnis wurde aber nicht geschlossen, da England als Kolonial- und Wirtschaftsmacht namentlich auf Erhaltung des Friedens und einer Balance of Power bedacht war. Diese Haltung, die sich besonders in der von Grey angeregten Botschafterkonferenz von London 1912 bewährte, führte allerdings nur zu vorübergehender Entspannung. Auch die martialischen Äußerungen Wilhelms II. wirkten eher alarmierend, so dass schließlich der Gedanke an die Unabwendbarkeit eines Kriegs auf dem Kontinent beinahe fatalistisch hingenommen wurde.

    Kriegsausbruch

    Attentat auf den Thronfolger Franz Ferdinand, Gemälde

    Äußerer Anlass zum Ersten Weltkrieg wurde das Attentat von Sarajevo am 28.6.1914. Die Wiener Regierung wollte die von Serbien dem österreichischen Nationalitätenstaat drohende Gefahr grundsätzlich beseitigen und richtete am 23.7. ein 48-stündiges Ultimatum an die Regierung in Serbien. Ihr folgte die Kriegserklärung am 28.7., obwohl Serbien den österreichischen Wünschen in bestimmtem Maße entgegenkam und alle Möglichkeiten zu weiteren Verhandlungen offen hielt. Aus einem begrenzten Konflikt, der aus den ungelösten Problemen des habsburgischen Vielvölkerstaates resultierte, entwickelte sich ein globaler Krieg, in den schließlich mehr als 30 Staaten involviert waren.

    Der österreichische Minister Berchtold, der zunächst den ungarischen Widerstand gegen seine riskante Politik überwinden musste, sah sich für einen eventuellen Konflikt mit Russland gedeckt. Deutschland hatte ihm schon am 5.7. "freie Hand" gegen Serbien zugebilligt, um den österreichischen Bundesgenossen nicht zu verstimmen. Als jedoch deutlich wurde, dass auch Russland Serbien nicht preisgeben werde (Beschluss vom 25.7.), bemühte sich die deutsche Regierung (zu spät, weil die russische Mobilmachung bereits begonnen hatte) darum, die Führung der gemeinsamen Außenpolitik wieder in die Hand zu bekommen und Österreich (vergeblich) zum Einlenken zu bewegen. Trotz aller Versuche Wilhelms II. und Nikolaus' II. (Telegrammwechsel) und trotz der englischen Bemühungen (Greys Vorschlag einer Botschafterkonferenz) den serbisch-österreichischen Konflikt beizulegen, trieben die Mächte durch ihre Bündnisverpflichtungen in den Weltkrieg.

    Russland ordnete eine Teil-, dann Totalmobilmachung an und obwohl der russische Außenminister Sasonow (1910-16) weitere Verhandlungen nicht ausschließen wollte, sah Deutschland darin doch eine Kriegsdrohung, forderte ultimativ deren Zurücknahme, die nicht zu erwarten war, und erklärte nach Ablauf der zwölfstündigen Frist am 1.8. den Krieg an Russland. Nunmehr einzig darauf bedacht, durch rasches Handeln seinen militärtechnischen Vorsprung voll auszunutzen, erklärte Deutschland am 3.8. auch Frankreich den Krieg, nachdem Paris ein unannehmbares deutsches Ultimatum (Erklärung der französischen Neutralität und Überlassung der französischen Maasfestungen für Kriegsdauer an Deutschland als Garantie des französischen Friedens) abgewiesen hatte. Während Frankreich, das zwar ebenfalls den Krieg vermeiden wollte, aber nichts gegen die russische Mobilmachung unternommen hatte, nach seiner eigenen Mobilmachung (1.8.) vorgeschlagen hatte, die beiderseitigen Truppen auf zehn Kilometer von der Grenze zurückzuziehen, um Zwischenfälle zu verhüten, überließ die deutsche Politik nun dem Militär, das auf eine rasche Durchführung des Schlieffen-Plans bedacht war, die weiteren Entscheidungen. Bethmann Hollweg begründete deshalb den deutschen Einmarsch in Luxemburg (2.8.) und Belgien (3.8.) mit dem "Gebot der Not" und erklärte die belgische Neutralität für einen "Fetzen Papier". Darauf entschied sich auch Großbritannien zum Krieg gegen Deutschland (4.8.), den Grey bis dahin zu vermeiden suchte, obwohl die englische Entente-Politik darauf abgestimmt war, eine drohende Niederlage Frankreichs zu verhindern.

    Ausmarsch der ersten Landwehrtruppen durch das Isartor in München zum Hauptbahnhof

    So hatten sich die europäischen Großmächte entsprechend ihrer Bündnisse und dem durch die russische Mobilisierung ausgelösten militärischen Mechanismus in einen Krieg drängen lassen, den alle Völker als Verteidigungskrieg empfanden, wobei Deutschland durch seine Kriegserklärung und dem Völkerrechtsbruch gegen Belgien vor der Welt das Odium des Angreifers auf sich nehmen musste. Wenn aber die politische Führung Deutschlands sich auch im entscheidenden Punkt gegenüber Österreich nicht energisch genug eingesetzt hatte, so wiederholte Bethmann Hollweg doch nur die Haltung Bülows von 1908. Dass Russland und seine Alliierten nicht mehr gewillt waren wie in der Bosnischen Annexionskrise zurückzuweichen, beweist, dass die Gesamtsituation sich derart verschärft hatte, dass man eine kriegerische Lösung zwar nicht wünschte, aber auch nicht ernsthaft verhinderte.


    Bildergalerie: Schlacht um Verdun

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    Briefe gefallener Studenten

    November 1914.

    ... Seit acht Tagen im Schützengraben, einer Ruine, in der bei Regenwetter das Wasser rauscht und alles von Lehm und Dreck starrt und die auch Schutz gegen das furchtbare Granatfeuer gewähren soll. Kleine Menschenarbeit gegen gewaltige Kräfte ... (Fritz Meese)

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