Warschau-Offensive

    Aus Lexikon Erster Weltkrieg

    (28.9.-31.10.1914)

    Nachdem Ostpreußen nach den russischen Niederlagen in Tannenberg und in der Ersten Schlacht an den Masurischen Seen im zweiten Kriegsmonat gesichert worden war, wandten die Deutschen ihre Aufmerksamkeit den feindlichen Stellungen in Polen zu. An der südlichen Front gerieten die Österreicher, die nach anfänglichen Zugewinnen in Polen hinter Lemberg zurückgedrängt wurden, in Schwierigkeiten. Um ihrem österreichischen Bündnispartner zu helfen und eine Invasion in Schlesien zu verhindern, wurden vier Korps der deutschen 8. Armee (Hindenburg) aus Preußen nach Westpolen versetzt. Etwa 750 Eisenbahnzüge wurden während dieser massiven Operation verwendet, die die vier Korps - inzwischen als neue 9. Armee unter Hindenburg formiert - in der letzten Septemberwoche in die Nähe der österreichischen linken Flanke bei Krakau transportierten. Hindenburgs Vormarsch auf Warschau begann am 28.9. auf einer breiten Front zwischen Krakau und Czenstochowa. Zur Rechten der Deutschen erneuerten die Österreicher ihre Offensive auf das besetzte Galizien. Sie konnten bis Przemysl vorrücken, das am 9.10. eingenommen wurde, blieben dann aber stecken. Der russische linke Flügel war damit sicher.

    Großherzog Nicholas reagierte auf die deutsche Hauptgefahr mit der Versetzung von zwölf Korps aus seiner Armee in Galizien hinter die Weichsel. Schnell und äußerst wirkungsvoll durchgeführt, erlaubte dieser riesige Truppentransfer der zwischen Warschau und Nowo Georgiewsk versammelten russischen Streitmacht die Umfassung der linken Flanke Hindenburgs in einer entscheidenden Aktion. Die komplette russische Streitmacht in Polen bestand aus der 5., 4. und 9. Armee an der Weichsel; der 3. und 8. Armee zur Rechten hinter dem San und der 2. und 1. Armee zum Schutz der linken Flanke. Zusätzlich hatte die russische 10. Armee einen Teil Ostpreußens eingenommen und beschäftigte die wenigen deutschen Einheiten, die zur Verteidigung dort geblieben waren.

    Informationen über die russische Truppenaufstellung waren Hindenburg durch abgehörte Radiomeldungen zugänglich geworden. Sie enthüllten die Gefahr für den linken Flügel der deutschen Front, wo Einheiten unter dem Befehl Mackensens am 12.10. bis auf zehn km an Warschau herangerückt waren. Weiter im Süden waren die Deutschen an der Weichsel angekommen und hatten deren Überquerung durch die Russen in erbitterten Kämpfen verhindern können. Ein weiteres Korps erreichte Iwangorod, wurde aber bald durch die österreichischen Truppen vertrieben. Die auf diese Weise entlastete deutsche Streitmacht wurde als Verstärkung der Truppen Mackensens entsandt, die am 12.10. den Befehl zum Eingraben erhalten hatten. Mackensen konnte die Stellung jedoch nur noch wenige Tage halten, bis die Russen mit einem langsamen Vorstoß Richtung Schlesien begannen. Im Süden hatten russische Truppen bereits den San überquert und stießen wieder nach Galizien vor.

    Deutsche Truppen überschreiten die Weichsel in Verfolgung der Russen über eine Ponton-Notbrücke bei Warschau.

    Nun bestand die Gefahr, dass Mackensen von der deutschen Grenze abgeschnitten werden würde; am 27.10. erging daher ein allgemeiner Rückzugsbefehl. Die Deutschen zerstörten während ihres Rückzugs die Kommunikationssysteme und verlangsamten die russische Verfolgung so weit wie möglich. Ende des Monats hatten sie ihren Ausgangspunkt wieder erreicht und rund 40 000 Soldaten verloren. Der geplante russische Angriff auf Schlesien war durch die deutsche Offensive verzögert worden, wurde aber nach Wiederherstellung des Schienennetzes wieder aufgenommen. Um dieser Bedrohung zu begegnen, wurde die deutsche 9. Armee nordwestlich des Gebiets Posen-Thorn stationiert, wo Hindenburg einen Angriff auf die russische rechte Flanke plante.


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